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Mit Mittelfinger
„Post Mortem“: Michael Jürgs erzählt aus dem Jenseits

 Michael Jürgs hat sein letztes Buch gerade noch zu Ende bekommen. Foto: Karlheinz Schindler
Michael Jürgs hat sein letztes Buch gerade noch zu Ende bekommen. Foto: Karlheinz Schindler
München. Michael Jürgs wusste, dass er nicht mehr lange leben würde. „Mein nun tatsächlich letztes Buch habe ich noch geschafft, bevor ich wieder in die Klinik musste“, schrieb er im Juni an seinen alten Freund, den Hamburger SPD-Politiker Michael Naumann. Von Andreas Heimann, dpa

Naumann hielt die Laudatio, als Jürgs den Theodor-Wolff-Preis für sein Lebenswerk verliehen wurde. Selbst anreisen konnte er da schon nicht mehr. Am 4. Juli ist der Autor und ehemalige „Stern“-Chefredakteur im Alter von 74 Jahren gestorben. Nun ist sein Buch „Post Mortem. Was ich nach meinem Tod erlebte und wen ich im Jenseits traf“ erschienen.

Es ist außergewöhnlich, berührend und sehr persönlich. Es passt nicht in gängige Einsortierversuche der Literaturkritik. Der Verlag hat darauf verzichtet, es als Roman zu klassifizieren, es hat Züge einer fantastischen Erzählung und ist in jedem Fall ein wunderbares Buch.

Ein herausragender Erzähler war Jürgs sein Leben lang, als Reporter, Sachbuch-Autor und als Biograf, der kenntnisreich über so unterschiedliche Persönlichkeiten geschrieben hat wie Axel Springer, Günter Grass und Romy Schneider, immer gleichermaßen klug und unterhaltsam. Dass das kein Gegensatz sein durfte, war ihm ein Credo. Auch daran hat er sich in seinem letzten Werk gehalten.



Im Frühjahr 2018 war der Publizist an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt. „Mit einem mir zeitnah drohenden Ende hatte ich mich bis dahin nie beschäftigt“, schreibt Jürgs im Prolog. Aber dann erklärt ihm der Chirurg nach der Operation, dass seine Lebenszeit überschaubar sein dürfte. Dass der Tod sein Interesse an ihm bekundet hatte, ließ ihn nicht verzweifeln: „Ich zeigte ihm also höflich, aber kampfbereit den Mittelfinger.“

„Durch die Diagnose Krebs zum Sterben Verurteilte halten das Urteil schockiert zunächst für Fake News“, erzählt Jürgs. „Auch ich zweifelte an den Laborwerten, obwohl ich altersbedingt als Kandidat fürs Sterben geeignet war.“ Weitere Untersuchungen bestätigten den Befund. Jürgs berichtet davon in nüchternem Tonfall, abgeklärt, ohne Selbstmitleid, auch das zeichnet sein Buch aus. „Die Todesquote nach einer Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs ist höher als bei allen anderen Tumoren. Pankreaskrebs gilt unter den Bösartigen als Fürst der Finsternis.“

Und statt der Romanbiografie über die Enkelin Theodor Fontanes zu schreiben, wie Jürgs es vorhatte, macht er sich an „Post Mortem“. Mit der Selbstdisziplin, die ihn sein Leben lang ausgezeichnet hat. „Zu schreiben war neben der medizinischen Therapie meine eigene Strategie im Kampf gegen das Unvermeidliche.“

Jürgs erzählt aus der Perspektive eines Toten aus dem Jenseits, einer Welt, in der man nur solche andere Verstorbenen sehen kann, die einem im Leben nah waren. Seinen Bruder trifft er dort, der sich selbst getötet hatte. Seiner Mutter begegnet er und seinem Vater, graubärtig und mager. „Wie habt ihr erfahren, dass ich unterwegs bin zu euch?“, fragt ihn der Sohn. „Wir wissen nur so viel, dass die Namen aller aktuell Verstorbenen unmittelbar nach ihrem letzten Atemzug ins Jenseits übermittelt werden“, antwortet der.

Das Jenseits, das Jürgs durchstreift, ist kein frommes Elysium. Regine Hildebrandt, die an Krebs gestorbene frühere Ministerin in Brandenburg, hält dort streitbare Reden. Der Philosoph Henry David Thoreau wohnt dort in einer Hütte. Jürgs besucht Pablo Picasso, der nach dem Tod wieder angefangen hat zu rauchen. Er trifft Mozart, der gerade eine der Sonatinen spielt, die Jürgs selbst oft geübt hatte. Er plaudert mit Johannes Gutenberg über die Bedeutung des Buchdrucks, er begegnet Karl Lagerfeld auf einer Kirmes.

Und er sieht bei den Dreharbeiten für einen Film über eine Gerichtsverhandlung gegen Donald Trump zu. Den Richter spielt Clark Gable, Cary Grant den Staatsanwalt, John Wayne gibt Trumps Verteidiger. Grace Kelly ist Ivanka Trump, Lauren Bacall Angela Merkel. Unter den Geschworenen sitzen Winston Churchill, Charles de Gaulle und Boris Jelzin.

Bei einem Konzert steht der Queen-Sänger Freddie Mercury neben Janis Joplin, Jim Morrison, David Bowie, Kurt Cobain, John Lennon und Amy Winehouse auf der Bühne, eine All-Star-Band aus lauter prominenten Toten. Mercury singt „Who Wants to Live Forever?“.

„Nur der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, und post mortem erst recht nicht“, schreibt Jürgs im Epilog. Bei ihm besteht die Fantasie auch im Angesicht des Todes, das zeigt sein Buch auf eindrucksvolle Weise.

- Michael Jürgs: Post Mortem. Was ich nach meinem Tod erlebte und wen ich im Jenseits traf. C. Bertelsmann Verlag, München, 270 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-570-10411-8.

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