| 22:10 Uhr

Konzert von Kraftwerk in Luxemburg
Die lässige Kunst des Fast-Nichts-Tuns

 Ralf Hütter (von links), Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Falk Grieffenhagen: Der Körpereinsatz der Elektropioniere von Kraftwerk blieb in Luxemburg überschaubar.
Ralf Hütter (von links), Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Falk Grieffenhagen: Der Körpereinsatz der Elektropioniere von Kraftwerk blieb in Luxemburg überschaubar. FOTO: Carl Neyroud / Den Atelier
Luxemburg. Kraftwerk-Gastspiel in der ausverkauften Luxemburger Abtei Neumünster: Warum sich 75 Minuten Warten gelohnt haben. Von Sebastian Dingler

Man kann nicht nicht kommunizieren – dieser berühmte Satz von Paul Watzlawick lässt sich leicht auf die deutsche Band Kraftwerk ummünzen: Man kann nicht nicht performen.

Denn eigentlich machen die vier Bandmitglieder (vier müssen es sein, denn sonst sieht es ja nicht nach Kraftwerk aus) fast nichts auf der Bühne. Sie stehen hinter ihren Pulten und wirken so, als seien sie beschäftigt. Eine Handbewegung hier, eine dort. Ob da jemand ein Keyboard bedient oder mittels eines Mausklicks ein Sample ablaufen lässt – man sieht es nicht.

Aber so muss es ja auch sein, es sind schließlich Kraftwerk, diese zur Maschine gewordenen Menschen, die Roboter, die erste Band, die komplett auf Synthesizer, Drumcomputer und Sampler setzte. Im Netz kursiert ein Video, das zeigt, was die Vier auf den Pulten so treiben – Bandchef und Gründungsmitglied Ralf Hütter bedient sogar ein Tasteninstrument. Die beiden weiteren „Audio Operatoren“ (so die Selbstbezeichnung) Fritz Hilpert und Henning Schmitz drücken bunte Knöpfchen, ohne dass so richtig klar wird, was das zur Musik beiträgt. „Video Operator“ Falk Grieffenhagen jedoch wurde dabei ertappt, wie er auf der Bühne offenbar aus Langeweile einen Text von seinem Bildschirm ablas.



Langeweile ist zunächst auch das Stichwort für das Kraftwerk-Gastspiel in der Luxemburger Abtei Neumünster – geschlagene 75 Minuten müssen die 2500 Zuhörer des seit langem ausverkauften Konzerts warten, bis sich etwas tut auf der Bühne. Das ist mehr Zeit, als es gebraucht hätte, um sich am malerischen Tal der Alzette zu ergötzen. Aber schließlich ist es noch taghell und somit ungünstig für die dreidimensionalen Videoprojektionen, die später punktgenau zur Musik ablaufen. Raumschiffe spielen darin – wenig überraschend – eine große Rolle, ebenso stark verpixelte Grafiken und computeranimierte Darstellungen von Menschen – jene Roboter eben, als die sich Kraftwerk so gerne sehen. Das wirkt heutzutage natürlich eher altbacken als futuristisch. Gleiches gilt für die Musik.

Kraftwerk waren die Elektropioniere, die schon in den Siebzigern so klangen wie viele später in den Achtzigern und Neunzigern. Den größten Einfluss hatten sie wohl auf Techno – der entstand vor etwa 30 Jahren. Ihr größter Hit „Das Model“ nahm die Neue Deutsche Welle um mindestens drei Jahre vorweg – in Luxemburg ertönt der Song, von Hütter etwas schlapp gesungen, schon kurz nach Beginn des Konzerts. Zum Markenzeichen-Song „Autobahn“ tuckern ein dreidimensionaler VW Käfer und ein Mercedes-Benz mit Heckflosse über eine virtuelle Fahrbahn, Kennzeichen D-KW 70 und D-KW 74. D steht für die Heimatstadt Düsseldorf, KW für Kraftwerk, die sich 1970 gründeten und ab 1974 mit „Autobahn“ komplett auf elektronische Klänge setzten. Mit „Radioactivity“ hat die Band auch einen Anti-Atomkraft-Protestsong dabei, der die Orte der nuklearen Katastrophen aufzählt. Den Fans bleiben Kraftwerk nichts schuldig: „Tour de France“, „Trans Europa Express“, „Wir sind die Roboter“ bringen die Menge in Bewegung.

Erst nach zwei Stunden haben die älteren Herren (Hütter ist 72) dann schlussendlich genug und gehen zu „Musique Non-Stop“ nach und nach von der Bühne. Zunächst der wohl etwas unterbeschäftigte Grieffenhagen, dann Schmitz und Hilpert. Dieser spielt sogar eine Art Solo, jedenfalls entsteht beim Beobachter der Eindruck irgendeines Zusammenhangs zwischen seinen Handbewegungen und den Änderungen im Klang. Als letztes geht Hütter. „Gute Nacht“ und „Auf Wiedersehen“ sind die ersten und letzten Worte, die er ans Publikum richtet. Das jubelt lauthals. Kraftwerks Fast-Nicht-Performance war eine ziemlich gelungene.

 Kraftwerk war die erste Band, die komplett auf Synthesizer, Drumcomputer und Sampler setzte. 
Kraftwerk war die erste Band, die komplett auf Synthesizer, Drumcomputer und Sampler setzte.  FOTO: Carl Neyroud / Den Atelier
 „Das Model“ gilt als der bislang größte Hit der vier Musiker aus Düsseldorf. Er erklang auch in Luxemburg.
„Das Model“ gilt als der bislang größte Hit der vier Musiker aus Düsseldorf. Er erklang auch in Luxemburg. FOTO: Carl Neyroud / Den Atelier