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Kolumne
Die Hoffnung ist ein zartes Pflänzchen

 Esther Brenner
Esther Brenner FOTO: SZ / Robby Lorenz
Wie kann man umgehen mit der erzwungenen Zeit zu Hause und einem engeren Bewegungsradius?  Beides kann man nutzen – trotz der Sorgen, die einen in diesen Tagen umtreiben. Von Esther Brenner

Je nachdem, wo Sie wohnen, klingt die Stille in diesen Tagen anders. Am Stadtrand der Landeshauptstadt zum Beispiel hörte man zuletzt immer wieder Hochdruckreiniger im Viertel dröhnen. Die Rasenmäher sind auch aus dem Winterschlaf geweckt worden. Vielleicht ein bisschen früher als sonst müssen sie in diesem Jahr ran. Wer das Privileg hat, einen Garten oder wenigstens einen Balkon zu besitzen, der macht ihn jetzt schön. Man kann nämlich darin flanieren wie in einem  Museum: Schau an, die Hortensie hat den Winter nicht überlebt. Und hier, der blöde Maulwurf! Hat eine Hügellandschaft auf der Wiese installiert!  Das Kulturleben draußen liegt im Koma, die  Gastronomie  ist kurz vor dem Kollaps. Wir treten zwangsläufig den Rückzug in die eigenen vier Wände an, bestellen unser Gärtchen mit einer biedermeierlich anmutenden, fast rührenden Geschäftigkeit, kümmern uns  jetzt mangels Alternativen um die  Wohn- und Gartenkultur. Putzen hilft eben gut gegen schwere Gedanken. Und was wirkt besser gegen Langeweile, Sorgen und Grübelei als stundenlang den Rasen zu vertikutieren, das Unkraut aus dem Kies zu zupfen oder eben die Terrasse zu kärchern?

Dass just in diesem Jahr die SZ zum Gärtnern eine Serie aufgelegt hat, ist ein schöner Zufall. Inmitten all der schlechten Nachrichten wirkt die Garten-Seite tatsächlich wie ein blühendes Paradies aus längst vergangenen, unbeschwerten Tagen.  Solange jedenfalls die Bau- und Gartenmärkte noch offen waren, ging es zumindest der Gartenkultur gut.

Damit die anderen Kulturen nicht völlig verdorren, sollten wir sie in unsere vernetzten Wohnzimmer einladen. Große Theater haben bereits digitale Spielpläne. Musiker geben Konzerte im Netz auf Instagram. Beim sogenannten „#Wirbleibenzuhause-Festival“ wollen sieben Künstler, darunter Max Giesinger, Johannes Oerding, Lea und Michael Schulte am Sonntagabend ab 18 Uhr jeweils eine halbe Stunde von zu Hause aus spielen. Überall bitten Kulturschaffende im Netz jetzt um unsere Solidarität. Dass es kulturelle (und viele andere) Angebote dort nicht zum Nulltarif geben kann, versteht sich eigentlich von selbst.



Das Publikum, die Kulturkonsumenten, werden sich daran gewöhnen müssen. Das ist ein Effekt dieser Krise. Es stimmt, Kreativität blüht bekanntlich oft besonders gut unter schwierigen Bedingungen. Solidarität hoffentlich auch. Pflegen wir also diese Hoffnung – das zarte Pflänzchen.