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Klaus Gietinger im Kino Achteinhalb
„Sie überlebe ich auch noch“

 Klaus Gietinger, Wahl-Saarbrücker, Drehbuchautor, Filmregisseur und Schriftsteller.
Klaus Gietinger, Wahl-Saarbrücker, Drehbuchautor, Filmregisseur und Schriftsteller. FOTO: Matthias Becker
Saarbrücken. Der Regisseur und Autor Klaus Gietinger zeigt in Saarbrücken eine Retrospektive seiner Spielfilme. Wir haben mit ihm gesprochen – über zürnende Redakteure, verblüffte Amerikaner und schlafende SPD-Genossen. Von Tobias Kessler

Kann man im Saarland besser landen? Der Allgäuer Klaus Gietinger lebt, der Liebe wegen, seit 2016 in Saarbrücken (nach 25 Jahren vor allem in Frankfurt) – und  irgendwie trifft man ihn im hiesigen Kulturleben so ziemlich überall.  Als Autor las er neulich in Saarbrücken aus seinem aktuellen Buch „Der Kapp-Putsch“, Mitte des Monats wirkt er an einer Saarbrücker Tagung zum Thema mit. Beim Ophüls-Festival im Januar diskutierte er als Mitglied der Wolfgang-Staudte-Gesellschaft einen Film des Saarbrücker Regisseurs („Zwischengleis“, im proppenvollen Kino Achteinhalb). In der Redaktion der „Saarbrücker Hefte“ ist er auch. Sein Buch „Vollbremsung. Warum das Auto keine Zukunft hat und wir trotzdem weiterkommen“ brachte ihm bundesweit Beachtung ein – und zwei Morddrohungen per mail. Für den SR drehte er zuletzt einen Film über Karl Marxens Haushälterin/Muse/Schachpartnerin Lenchen Demuth aus St. Wendel. „Zur Premiere dort kamen alle, vom Pfarrer bis zum Intendanten des Senders“, sagt Gietinger, „das habe ich in Frankfurt nie erlebt.“

Sollten diese Aktivitäten den 65-Jährigen nicht gänzlich ausfüllen, dann würde man ihm noch eine Radiosendung wünschen, in der Gietinger einfach dieses und jenes erzählen könnte, begleitet von seinem bärigen Lachen. Denn im Gespräch erweist er sich als Zimmerspringbrunnen der sinnigen Anekdoten. Da erzählt er etwa, wie ihm chinesische Historiker bei einer Rosa-Luxemburg-Konferenz in Japan einen vergoldeten Buchmerker schenkten, graviert mit dem klassischen Luxemburg-Zitat „Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden“. Gietingers Einschätzung mit Blick auf chinesische Verhältnisse: „Der Satz scheint nicht bis zur Regierung durchgedrungen zu sein.“ Oder er erinnert sich daran, wie  ein ZDF-Redakteur ihm nach hitzigen Diskussionen prophezeite: „Sie überlebe ich auch noch.“ Oder davon, dass ein CSU-Mann, der Gietingers Film „Land der Räuber und Gendarmen“ öffentlich einen „Politporno“ nannte, Jahre später Geld in einen anderen Gietinger-Film investierte. Oder wie er zum ersten Mal Saarbrücken erblickte, als dort vor 35 Jahren sein Film „Daheim sterben die Leut‘“ lief, und dachte: „Was für eine hässliche Stadt“. Heute schiebt er nach: „Das stimmt natürlich nicht, wenn man sie mal kennenlernt.“

Morgen beginnt im Saarbrücker Kino Achteinhalb, in Zusammenarbeit mit der Heinrich Böll Stiftung Saar, eine Retrospektive mit den Spielfilmen Gietingers – er ist bei jeder Vorstellung dabei und wird von seiner Arbeit erzählen. Den Anfang macht „Lond it luck“ („Lasst nicht locker“ in Allgäuer Mundart), eine Geschichte aus dem Allgäuer Bauernkrieg. Den Film drehte Gietinger 1980, als Regisseur, Kameramann und Darsteller, mit 150 Statisten, auf Super 8, in schwäbischer Mundart, ohne Budget.  „Das setzt einen unter Druck“, sagt er, „man verschwendet nix.“ Mit dem fertigen Film zogen Gietinger und seine Kollegen der neugegründeten Westallgäuer Filmproduktion (WAF) übers Land, mehr als 10 000 Zuschauer kamen in den Kinos so zusammen. Die SPD setzte den Film gar bei lokalen Wahlkampfveranstaltungen ein, wenn auch mit begrenztem Erfolg, wie Gietinger zugibt: „Der lief auf einer ganz kleinen Leinwand, und vorher gab es schon drei Stunden lang Politiker-Reden – beim Film sind dann viele Leute eingeschlafen.“



Immerhin: Der Film war Gietingers Eintrittskarte für die Nachwuchsförder-Welt des „Kleinen Fernsehspiels“ im ZDF. Ein Redakteur dort sagte ihm „Wir machen kleine dreckige Filme“. Gietinger dachte sich: „Die kann er bekommen.“ Und die bekam er auch: „Land der Räuber und Gendarmen“ (1982) erzählt in einem Mix aus Doku, Spiel- und Trickfilm von einer Allgäuer Familie, von Kriegstraumata, von Kriegsdienstverweigerung und vom, so Gietinger, „langen Arm des Faschismus“. Des Regisseurs Urteil heute: „Damals hatte ich wohl zu viel Alexander Kluge gesehen, das ist fast schon eine Parodie auf ihn.“ Der Film brachte ihm eine Einladung zu einem TV-Festival in South Carolina ein, wo die Resonanz mittelprächtig  blieb. „Einen Film ohne Handlung waren die Amerikaner nicht gewohnt, die waren sehr überrascht.“ Überrascht war auch Gietinger: von der gemächlichen Fahrweise der Amerikaner. „Ich dachte, die fahren so rasant wie in ihren Filmen.“

1984 gelang Gietinger sein größter Kino-Erfolg: „Daheim sterben die Leut‘“, über einen Allgäuer Landwirt, der gegen den Bau einer Fernwasserleitung rebelliert – unter anderem mit Hilfe schwarzer Magie (der Teufel taucht auch noch auf). Gietinger erinnert sich, dass die Filmförderungsanstalt (FFA) nach Ansicht des Drehbuchs kein Interesse an einer Unterstützung hatte, und zitiert aus dem Ablehnungsschreiben: „In beleidigender Weise degoutant“ sei das Buch, „gegen Kirche, Staat und Autorität“. Das Echo auf den fertigen Film – gedreht in Allgäuer Mundart und deswegen in einigen Regionen Deutschlands mit Untertiteln gezeigt – war aber enorm; sogar die Hollywood-Branchenbibel „Variety“ war des Lobes voll, ebenso die „Süddeutsche“ und auch, der FFA-Verdammnis zum Trotze, der Katholische Filmdienst. Für Gietinger ist das der zentrale Film seiner Karriere. Mit etwas Bedauern sagt er: „Ich habe mich später auch nicht mehr getraut, sowas zu machen.“

Der Film nach „Daheim‘“ bedeutet einen Bruch in seiner Kino-Arbeit: „Schön war die Zeit“ (1988), über einen Filmvorführer und einen Nazi-Filmregisseur, eine bunte Satire über die Nachkriegszeit. Bei nächtlichen Dreharbeiten geriet Gietinger mit seinem Hauptdarsteller Gottfried John (1942-2014) aneinander. „Diesen Satz kann ich so nicht sprechen“, habe John verkündet, womit eine dreistündige Diskussion begann. „Alle mussten warten und frieren“, erzählt Gietinger, „auch die örtliche Feuerwehr, die für den künstlichen Regen zuständig war“. Als John den Satz nach langen, langen Diskussionen dann doch noch sprach, griffen die Feuerwehrleute besonders beherzt zum Schlauch. „Haben die den gerne nassgespritzt!“ Mit dem Film ist Gietinger heute nicht mehr ganz glücklich, „ich finde ihn ein bisschen langsam“.

Dass er kein großer Erfolg wurde, hatte Folgen für den Regisseur: „Wenn so ein Film nicht gut läuft, dann hat man es schwer – und Schulden.“ Da kam das Fernsehen zu Hilfe, und Gietinger begann eine TV-Karriere, unter anderem beim „Tatort“. Fünf „Tatorte“ für den Hessischen Rundfunk inszenierte er (und vier schrieb er) bis  2004, mit Jörg Schüttauf, Andrea Sawatzki und Karl-Heinz von Hassel. Letzterem sagte Gietinger einmal, um dessen reduziertes Spiel etwas aufzulockern: „Es wäre schön, wenn Sie nicht immer so sozialdemokratisch spielen würden.“ Des Mimen Replik: „Woher wissen Sie, dass ich ein Parteibuch habe?“

Die heutigen „Tatorte“, sagt Gietinger, schaut er sich nicht mehr an, vermag deshalb auch zu den Krimis von der Saar nichts sagen und findet generell die Krimi-Schwemme im Fernsehen etwas befremdlich. „In Deutschland geschehen im Jahr nur 700 Morde – das wird im Fernsehen etwas überbewertet.“

Die Retrospektive im Achteinhalb endet mit Gietingers bisher letztem Kinofilm, „Heinrich der Säger“ von 2001 mit Rolf und Meret Becker, in dem ein ostdeutscher Bahnwärter seinen Arbeitgeber dazu erpressen will, nicht noch mehr Strecken stillzulegen. „Endlich ein deutscher Trashfilm“, frohlockte damals die „Frankfurter Rundschau“, wogegen das Blatt „Cinema“, wie Gietinger auf der Einladung zur Retrospektive vermerkt, unkte: „Heinrich der Nervensäger“ sei ein passenderer Titel. Gietinger nimmt das mit dem Humor, der sich auch durch seine Arbeiten zieht. Möglicherweise aber nicht durch seinen geplanten Film über den Saarbrücker Regisseur Wolfgang Staudte (1906-1984, „Rosen für den Staatsanwalt“), der politisch immer wieder aneckte, ob er nun in der DDR oder in der BRD arbeitete. Das Drehbuch, unterstützt von der hessischen Filmförderung, schrieb er zusammen mit Uschi Schmidt-Lenhard von der Staudte-Gesellschaft, geplant ist eine Dokumentation mit Spielszenen und Interviews. Doch „das Projekt hängt etwas durch“, sagt Gietinger, das Sender-Interesse sei bisher gering. Auf eigene Faust und Kosten hat Gietinger schon einige Interviews mit Weggefährten Staudtes geführt, zuletzt mit Schauspieler Volker Kraeft und Staudtes Regie-Assistent Michael Werlin bei ihrem Besuch in Saarbrücken. „Doch die Zeitgenossen Staudtes sind nicht mehr lange da“, sagt Gietinger, „die Zeit drängt“.

  Meret und Rolf Becker in „Heinrich der Säger“ über einen rebellischen Bahnwärter in Ostdeutschland.
Meret und Rolf Becker in „Heinrich der Säger“ über einen rebellischen Bahnwärter in Ostdeutschland. FOTO: RSMedia / Gietinger