| 23:00 Uhr

CD-Kritik
„Schrei es raus“: Joris und die Last des zweiten Albums

Joris Schrei es raus
Joris Schrei es raus FOTO: Sony Music/Four Music
Mannheim. Von Eric Kolling

Die Last des zweiten Albums – auch Joris Ramon Buchholz merkt man sie bei „Schrei es raus“ (Four Music/Sony Music) an. War sein Debüt „Hoffnungslos hoffnungsvoll“ 2015 noch randvoll mit berührenden, bildhaft getexteten und von spielerischem Sound untermalten Kleinoden, plätschert das Nachfolgealbum des 29-Jährigen ein Stück weit am Hörer vorbei. Mal ist der Text anspruchsvoll, die Musik aber belanglos („In all den Augen“), mal klingt es eingängig, ist aber textlich flach („Kommt schon gut“).

Auch „Du“, „Schrei es raus“, „Unerreichbar weit“, „Feuerwesen“ und „Das sind wir“ sind eher durchrauschende Mainstream-Pop-Songs ohne großes Erinnerungspotenzial. Wo der Vorgänger wirkte wie ein jahrelang gereifter guter Wein, so klingt das hier eher nach Erstabfüllung. Der im ostwestfälischen Vlotho aufgewachsene Sänger hat sich die neuen Lieder atemlose 300 Konzerte und drei Echos nach dem erfolgreichen Erstling im winterlichen Italien und auf der Finca in Spanien ausgedacht, das Album dann in neun Monaten produziert.

Es geht inhaltlich wieder viel um verflossene Liebschaften (die überzeugenderen Parts), aber auch das Leben an sich, Glück und Unglück (teils zu verkopft). Die Singleauskopplung „Signal“ kommt noch sehr in der Tradition von „Herz über Kopf“ daher. Das aktuelle „Glück auf“, in dem er einen eingestürzten Stollen als Parabel für schwere Momente des Lebens beschreibt, wirkt dagegen sperriger.



Höhepunkt ist das Stück „In Zeitlupe“, ein Sechsminüter, der seinem Namen alle Ehre macht. Erst nach 45 Sekunden setzt die zuvor säuselnde Musik richtig ein, langsam kocht der Abschiedsschmerz in Joris rauchig-knarziger Stimme hoch und entlädt sich im ergreifenden Ende. Auch das folgende Stück „Magneten“ ragt aus den 13 Songs heraus. Dann ist da noch das siebenminütige „Rom“, das Joris bereits beim Konzert in der Saarbrücker Garage vor zwei Jahren zum Besten gab, und das in der zweiten Hälfte durch seinen inbrünstigen Gesang an Wucht gewinnt. Ein würdiger Abschluss wäre das – doch ist es aus unerfindlichen Gründen nur an vorletzter Stelle der Tracklist. Fazit: Ein Album voller denkwürdiger Perlen wie auf der ersten CD – so etwas schafft auch Joris nicht im Akkord.