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Polit-Analyse mit Scharfsinn
Ja, die Welt ist aus den Fugen — aber warum denn genau?

Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Politik­ressorts der „Zeit“.
Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Politik­ressorts der „Zeit“. FOTO: Vera Tammen
Köln. In seinem Buch „Guten Morgen, Abendland“ analysiert der „Zeit“-Journalist Bernd Ulrich die aktuelle weltpolitische Lage scharfsinnig. Von Christoph Schreiner

Dass sie nun bereits ein halbes Jahr lang in Umlauf ist, ändert nichts daran, dass Bernd Ulrichs noch vor der letzten Bundestagswahl erschienene Analyse heutiger Politik unter dem Titel „Guten Morgen, Abendland“ an Aktualität nichts eingebüßt hat. Ulrich, Politikchef der Wochenzeitung „Die Zeit“ und einer der originellsten und scharfsinnigsten Analysten des Politbetriebes, skizziert darin die infolge Trump, Brexit, Flüchtlingsproblematik und Nationalismen in Europa sowie zahlreichen staatlichen Pulverfässern (Syrien, Jemen, Afghanistan, Irak, Nordkorea, Venezuela, Mali etc.) aufgeladene weltpolitische Lage. Überall herrscht Instabilität. Weshalb?

Schon in seinem Vorwort gibt Ulrich dafür eine plausible Erklärung: Lange Zeit habe die Funktionsfähigkeit von Staaten und Religionen „auf der Demut der Gedemütigten“ basiert – diese Duldsamkeit sei nun langsam aufgebraucht und die Welt durch den Siegeszug des Internets zusammengerückt. Weshalb immer mehr Benachteiligte weltweit Althergebrachtes abstreiften und ihre Situation verglichen „mit dem, was ihnen als Optimum vor Augen steht; sie sehen nicht ein, warum sie warten sollten und worauf.“ Ulrich begrüßt diesen Aufbruch aus obszöner Ungleichheit – „die politische Urgewalt, die da losbricht“. Und kritisiert die Abwehreflexe der bisherigen Systemprofiteure, die die alten Verhältnisse wieder schnell zementieren wollen. Eine von Ulrichs Grundthesen lautet entsprechend: „Gegen die neue Nähe durch das Internet, den globalen Handel, die räumliche Mobilität werden dann Mauern gebaut. Aus Beton gegen die Migration; aus Geld gegen die ohne Geld; aus Bildungsdünkel gegen die ohne Abi­tur; aus religiösem Fundamentalismus gegen die Zweifel, die aus dem Vergleichen erwachsen.“

In den zehn, nicht immer gleichermaßen ergiebigen Kapiteln des Buches – zwei fallen ab: das über die mittelfristig schwindende weltpolitische Rolle Russlands und das über Kanzlerin Merkels eher an Krisen denn an Konzepten geschulter Regierungspolitik – belässt es Ulrich wohltuenderweise nicht bei oft vernommenen Konsenspositionen. Mit Blick auf das immer häufigere Aufeinanderprallen von Erster und Dritter Welt hebt er auf die damit einhergehende Konfrontation zweierlei Verlierergruppen ab. Hier die Globalisierungsverlierer in den USA und Europa, die überall Konkurrenten wittern und zugleich ihr Selbstwertgefühl durch die Herabwürdigung anderer stärken. Dort die Migranten, die „die Armen des Westens selbstverständlich als Reiche empfinden“. Interessant ist Ulrichs Folgerung, dass die Integration von Flüchtlingen eine eminent außenpolitische Komponente hat, weil sie letztlich steht und fällt mit der gegenüber deren Heimatländern praktizierten Politik, wo die Verwandten dieser Flüchtlinge leben: Abschottung nach außen wird insoweit keine Öffnung nach innen begünstigen können.



Was Trump gerade in den USA versucht (ob die Mauer nach Mexiko oder sein Wirtschaftsprotektionismus), basiert Ulrich zufolge auf genau dieser Logik: Die Benachteiligten im eigenen Land sollen dadurch gestärkt werden, dass die außerhalb des Landes geschwächt werden. Überhaupt fällt Ulrichs Urteil über die selbstgefällige, extrem ideologische und ineffiziente Weltpolitik der USA vernichtend aus. Unter Obama und auch unter Trump habe sie ihren (letztlich fatalen, weil zerstörerisch wirkenden) missionarischen Anspruch aufgegeben – nicht zuletzt auch wegen ihres kostspieligen Scheiterns im Nahen und Mittleren Osten. Ulrich sieht den Rückzug als Chance für eine „kopernikanische Wende in der Außenpolitik“ Deutschlands und der EU hin zu einer eigenständigeren Politik. Das Problem der EU sei, dass deren Früchte (Frieden und relativer Wohlstand) zu selbstverständlich geworden seien: „Das Optimum erscheint als Minimum, das Meckern als Menschenrecht“, zumal Brüssel selbst seine Vorzüge geringschätze. Den einen ist da immer zu wenig EU, den anderen immer zu viel. Nichtsdestotrotz müssen (wie die USA) auch die EU-Staaten eine Lösung für die wachsende Ungleichheit im Inneren finden. Aber wie?

Deutschland, bilanziert Ulrich, sei binnen 70 Jahre in Europa vom „Paria zum Primus“ geworden – weil man die Lehren aus der NS-Vergangenheit zog und sich (durch die 68er und später die Grünen) hier weniger autoritäre Strukturen denn andernorts ausprägten, welche sich „als ungeheure Produktivkraft“ erwiesen hätten. Auch deshalb glaubt Ulrich, dass die AfD (sofern die Ängste ihrer Sympathisanten ernst genommen werden), realpolitisch schnell entzaubert wird. Generell wird der Erfolg heutiger Politik, das nimmt man aus diesem süffisant geschriebenen Buch mit, von ihrer Bereitschaft abhängen, das Lebensglück ihrer Bevölkerungen stärker als bisher auszubalancieren. Ist doch längst überall – ob in Europa, den USA, Asien, Afrika oder im arabischen Raum – ihr Gerechtigkeitsproblem der Schlüssel aller Verwerfungen. „Die Menschen stehen sich jetzt Stirn an Stirn gegenüber.“

Bernd Ulrich: Guten Morgen, Abendland. Der Westen am Beginn einer neuen Epoche. Kiepenheuer & Witsch, 298 Seiten, 20 Euro.

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kul-abendland2 FOTO: Kiepenheuer & Witsch