| 21:40 Uhr

Neu im Kino: „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“
„Irgendwo war er ja ein Egomane“

Regisseurin Margarethe von Trotta zwischen den Bergman-Söhnen Ingmar Bergman jr. (links) und Daniel Bergman, der sagt, seine Eltern nach deren Tod keine Sekunde vermisst zu haben. 
Regisseurin Margarethe von Trotta zwischen den Bergman-Söhnen Ingmar Bergman jr. (links) und Daniel Bergman, der sagt, seine Eltern nach deren Tod keine Sekunde vermisst zu haben.  FOTO: © Börres Weiffenbach / Börres Weiffenbach
Zweibrücken. Die Regisseurin redet im Interview über ihren Film „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“. Von Tobias Kessler

Regisseur Ingmar Bergman wäre am Samstag 100 Jahre alt geworden. Die Regisseurin Margarethe von Trotta (76), deren Film „Die bleierne Zeit“ Bergman sehr schätzte, hat eine sehr persönliche Doku gedreht. Für „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“ besuchte sie einige Drehorte seiner Filme, sprach mit der Schauspielerin Liv Ullmann, Regisseuren wie Olivier Assayas und Ruben Östlund, und vor allem seinen Söhnen.

Es gibt eine Karikatur von Sempé, in der viele Menschen aus einem Kino strömen, alle sind den Tränen nahe, und ein Passant sagt: „Da läuft der neue Film von Ingmar Bergman – der muss richtig gut sein.“ Wie treffend ist das?

VON TROTTA Wunderbar, das kannte ich noch gar nicht. Das ist natürlich liebevoll zugespitzt, zeigt aber auch, wie vertraut man in Frankreich mit Ingmar Bergman ist, dass das als Karikatur funktioniert und verständlich ist. In Deutschland wäre das wohl weniger der Fall, weil hier nicht so viele Menschen Bergman-Filme gesehen haben.  



Ihr Film heißt „Auf der Suche nach Ingmar Bergman“. Was haben Sie letztlich gefunden?

VON TROTTADie Drehorte, die ich nicht kannte, und Menschen, die ich nicht kannte – etwa seinen Sohn Daniel. Und erfahren habe ich, dass Bergman bei seinen Filmen viel mehr aus seinem persönlichen Leben geschöpft hat, als ich das angenommen hatte. Er ist vielleicht, wie Truffaut das auch einmal gesagt hat, der autobiografischste Regisseur überhaupt.  Man kann sich seine Filme anschauen wie ein Fotoalbum und bei jedem spüren, wie es gerade um ihn steht. Gerade in München hat er seine düstersten Filme schlechthin gedreht, darunter „Das Schlangenei“. Er fühlte sich damals von seinem Heimatland vertrieben, durch den Vorwurf der Steuerhinterziehung. Das war seine größte Krise, er war ja auch anfällig für Demütigungen, das spürt man in seinen Filmen.

Was hat Sie bei den Gesprächen mit Bergmans Familie am meisten überrascht? Ich hätte nicht gedacht, dass er sich mit seinem Enkel den Kriegsfilm „Pearl Harbor“ anschaut.

VON TROTTA Nein, ich auch nicht. Ich wusste auch nicht, dass er so viel Fernsehen geschaut hat. Er hat sich alles angesehen, nicht nur gute Filme. Er war kein Filmsnob und er war fasziniert vom Medium Fernsehen. Ich war mit ihm vor Jahren zusammen in einer Festivaljury, da haben Regisseur Theo Angelopoulos und ich darüber geklagt, dass es immer schwieriger wird, einen Kinofilm zu produzieren. Da sagte Bergman: „Macht doch Fernsehen, da habt Ihr sowieso sofort viel mehr Zuschauer.“  Angelopoulos und ich waren entsetzt, weil wir doch nur Kino machen wollten. Aber es war kein schlechter Rat.

Bergmans frühe Faszination für Hitler passt gar nicht in das Bild, das man sich gemeinhin von ihm macht.

VON TROTTA Er war 1936 Austauschschüler bei einer deutschen Pfarrersfamilie in Marburg. Der Pfarrerssohn war in seinem Alter und von Hitler begeistert, der Vater auch – der hat auf der Kanzel damals aus „Mein Kampf“ gelesen. Diese Begeisterung hat ihn beeindruckt und angesteckt. Er hat sich später tief dafür geschämt und wollte in seinen Filmen nie über Politik urteilen, weil er sich einmal so schrecklich geirrt hat.

Über Bergman als Vater fallen in Ihrem Film vernichtende Sätze. Sohn Daniel Bergman sagt über seine meist abwesenden Eltern: „Sie waren Narzissten und liebten ihre Kunst.“ Und bei seinem Vater fragt sich der Sohn, warum dieser seine eigene Kindheit so gut verstanden hat, aber seinen eigenen Sohn nicht.  

VON TROTTA Ich glaube, Ingmar Bergman hat am Ende seines Lebens begriffen, dass er sich zu wenig mit seinen Kindern beschäftigt hat. Sein Sohn Ingmar Bergman jr. spricht über seinen Vater und seine Jugend allerdings milder, weil er zumindest eine Mutter hatte, die sich sehr gekümmert hat. Daniel hingegen hatte gleich zwei Eltern, die sehr selten für ihn da waren.

Da verwundert es, dass er gleich neun Kinder hatte, von fünf Ehefrauen.

VON TROTTA Ja, das ist gewaltig. Aber nachdem er die Frauen verlassen hatte oder die ihn rausgeworfen hatten, weil er vielleicht schon die nächste hatte, waren sie immer noch mit ihm befreundet. Seine vierte Ehefrau, Pianistin Käbi Laretei,  hat sich nach ihrer Ehe ein Haus auf Farö gemietet und mit ihm die Sommer verbracht. So schlimm kann es nicht gewesen sein, sonst hätten die Frauen ihn aus ihrem Leben verbannt. Man spürt bei seinen Filmen ja, dass er ein ganz besonderes Verhältnis zu Frauen hatte, er konnte sehr gut zuhören. Irgendwo war er ja ein Egomane, aber dennoch entwickelte er viel Neugier und Verständnis für andere, im Wesentlichen für Frauen.

In einem alten Interview sagt Bergman, Kunst sei immer eine  Art Therapie für den Künstler. Wären seine Filme weniger bedeutend, wenn er als Mensch glücklicher gewesen wäre?

VON TROTTA Ganz sicher – er war ein Mensch mit tiefem Empfinden, der viel gefühlt und viel gelitten hat. Das findet man in all seinen Filmen.

Wie haben Sie für Ihren Film die Gesprächspartner ausgesucht?

VON TROTTA Die französischen Koproduktionspartner hätten sich Leute wie Martin Scorsese oder  Woody Allen gewünscht – Künstler, von denen man schon tausend Mal gehört hat, was sie über Bergman denken. Die wollte ich nicht, sondern meine eigene Auswahl, die sich auch nicht ganz verwirklichen ließ. Regisseur François Ozon etwa wollte ich treffen, aber er hatte dann doch keine Zeit und musste kurzfristig absagen.

Was war mit Max von Sydow, dem Darsteller aus den klassischen frühen Bergman-Filmen?

VON TROTTA Den hätte ich natürlich gerne dabei gehabt. Er lebt mittlerweile in Südfrankreich, und seine Frau blockt alles ab. Er ist ja nicht mehr der Jüngste, vielleicht will er auch einfach seine Ruhe haben.  

Die Szenen von den Dreharbeiten sind sehr aufschlussreich sind – egal wie finster die Themen, Bergman hatte große Freude an der Arbeit.

VON TROTTA Beim Arbeiten war er ganz wunderbar, da hat er sich wohlgefühlt mit seiner Crew und seinen Schauspielern, mit denen er ja immer wieder gearbeitet hat. Da fühlte er sich geschützt.

Vielleicht beschützter als im Privatleben abseits des Berufs?

VON TROTTA Das weiß ich nicht. Aber als er später nicht mehr gearbeitet hat, zog er sich ja erst nach Farö zurück, wollte dann ganz spät aber wieder nach Stockholm zurück, auch wenn er da schon zu gebrechlich war. Die Einsamkeit hat er dann doch schlechter ausgehalten als er erwartet hatte.

Das Gespräch führte Tobias Keßler.