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Saarbrücker „Perspectives“-Festival
„Wir sind dem Saarland sehr dankbar“

  Sylvie Hamard ist seit 2008 die Künstlerische Leiterin des „Perspectives“- Festivals. Üblicherweise pendelt sie für das Festival zwischen Versailles und Saarbrücken – was zurzeit nicht möglich ist.
Sylvie Hamard ist seit 2008 die Künstlerische Leiterin des „Perspectives“- Festivals. Üblicherweise pendelt sie für das Festival zwischen Versailles und Saarbrücken – was zurzeit nicht möglich ist. FOTO: Gauthier Brunner
Saarbrücken/Versailles. Die Leiterin des deutsch-französischen Bühnenfestivals „Perspectives“ über Ausgangssperre, Solidarität und die Situation des Festivals. Von Tobias Kessler

Am 2. April wollte das deutsch-französische Bühnenfestival „Perspectives“ das Programm seiner 43. Ausgabe vorstellen. Die Corona-Krise kam dazwischen. Geplant ist das Festival vom 28. Mai bis zum 6. Juni. Wird es stattfinden? Wir haben mit der Festivalleiterin Sylvie Hamard telefoniert, die mit ihrer Familie in der Nähe von Versailles lebt und für das Festival nach Saarbrücken pendelt – was zurzeit nicht möglich ist.

Frau Hamard, Sie sind zurzeit in Frankreich, in Ausgangssperre. Wie ist die Situation für Sie?

HAMARD Ich bin in der Nähe von Versailles. Wegen der Ausgangssperre dürfen wir nur aus dem Haus, wenn wir zum Einkaufen, zur Apotheke oder zum Arzt gehen müssen. Ich habe das große Glück, dass wir einen Garten haben – das ist ein großer Luxus. Wenn man zum Beispiel in Paris wäre, in einer kleinen Wohnung, wäre das viel schwieriger.



Wie groß ist Ihre Familie?

HAMARD Wir sind zu viert, ich habe zwei große Kinder, die sich gut selbst beschäftigen können – bei kleinen Kindern wäre die Situation nicht so einfach. Entspannt sind wir aber nicht, weil es von einer Infektion und dem Ausbruch der Krankheit einige Zeit dauert – deshalb wissen wir nicht, ob einer von uns eventuell den Virus hat. Wir müssen also aufpassen und halten Abstand zwischen uns. Ich versuche aber, die Situation möglichst positiv zu sehen – wir sind alle zusammen, ich habe mal Zeit zu lesen und aufzuräumen. Aber generell ist die Situation natürlich katastrophal, für die Kranken und ihre Angehörigen, für die Wirtschaft und unsere Arbeit.

Haben Sie Verständnis für die Ausgangssperre?

HAMARD Ich bin hundertprozentig dafür, es ist wichtig, dass wir alle solidarisch sind, nicht zuletzt für das Personal in den Krankenhäusern, so dass man die Zahl der schwierigen Fälle reduzieren kann, damit die Menschen in den Kliniken noch vernünftig arbeiten können. Ich kann nicht verstehen, dass jemand das nicht respektiert. Die Ausgangssperre ist der einzige Weg, weil viele Leute immer noch nicht verstehen, wie gefährlich die Situation ist. Es geht nicht darum, dass man persönlich eingeschränkt ist, sondern dass die ganze Bevölkerung in einer sehr bedrohlichen Lage ist.

Welche Auswirkung hat das auf das Festival – wie arbeitet Ihr Team jetzt?

HAMARD Im Home-Office. Wir haben jeden Tag Videokonferenzen, die ja auch ein bisschen Sozialkontakt mit sich bringen. Wir arbeiten ja nach wie vor an der Perspectives-Ausgabe.

Wie ist da der Stand der Dinge?

HAMARD Wir arbeiten weiter und planen so, als ob das Festival stattfindet. Wie realistisch das ist, kann niemand sagen, wir müssen abwarten. Wenn das Festival stattfindet, wird es jedenfalls unter anderen Bedingungen sein. Es könnte etwa passieren, dass wir erst zwei Wochen vor Beginn sicher wissen, dass wir das Festival doch nicht verschieben müssen. Dann werden wir gar kein Programm mehr drucken können, weil die Zeit dafür zu knapp wird. Wenn die „Perspectives“ stattfinden, dann ohnehin in einer reduzierten Version, weil einige Produktionen nicht rechtzeitig fertig werden: Wir hatten zum Beispiel ein Stück eingeplant, für das jetzt geprobt werden sollte und das im April seine Uraufführung erleben sollte. Das Stück wird für uns also nicht fertig sein. Wir hatten den Fokus dieses Mal auf Québec gelegt – ich glaube nicht, dass die Künstler von dort zu uns werden reisen können. Es wird also eine kleinere Version werden, womit ich schon froh wäre. Es wird sich zeigen, ob auch diese Pläne realistisch sind oder nicht. Wir haben in Frankreich ja erstmal 14 Tage Ausgangssperre, aber das könnten ja auch vier oder sechs Wochen werden – von daher ist es also viel zu früh, etwas entscheiden zu können.

Wäre eine Verschiebung um einige Monate eine mögliche Idee?

HAMARD Wir schließen nichts aus. Eine Verschiebung etwa in den Herbst und eine Verbindung zum deutsch-französischen „Loostik“-
Festival wäre eine Möglichkeit – aber ich spekuliere da einfach mal. So etwas besprechen wir erst, wenn feststehen sollte, dass die „Perspectives“ im Mai/Juni abgesagt werden.

Was würde eine Verschiebung und Verkleinerung für das Festival finanziell bedeuten? Die Kosten laufen weiter, die Einnahmen durch die Karten kämen später und wären niedriger als bisher kalkuliert?

HAMARD Die Träger haben uns versichert, dass wir nicht im Stich gelassen werden. Eine andere Frage sind die Sponsoren. Wenn die Wirtschaft stillsteht, werden viele Firmen gar nicht mehr das Geld haben, Projekte zu unterstützen. Ich habe Angst, dass generell viele Kulturprojekte sterben. Bis die Mittel wieder da sind, wird das dauern. Es wird problematisch für alle – nicht nur für uns als Festival.

Für die Künstler ist die Lage katastrophal. Gibt es Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland, was deren staatliche Unterstützung in der Krise angeht?

HAMARD Wir haben schon einige Mails vom französischen Kulturministerium bekommen, das über einen Fonds informiert, mit dem Künstlerinnen und Künstlern geholfen werden soll. In Frankreich gibt es ja das „statut d’intermittent du spectacle“, wonach Künstlerinnen und Künstler ein Arbeitslosengeld erhalten, wenn sie gerade nicht engagiert sind. Das gibt es in dieser Form nur in Frankreich. Um diese Unterstützung zu bekommen, muss man pro Jahr mindestens für 500 Stunden nachweislich engagiert gewesen sein. Jetzt wird es für manchen Künstler, wir sind ja noch am Anfang des Jahres, schwierig, diese Stunden nachzuweisen – wenn sie das nicht können, bekommen sie keine Unterstützung. Das wird manche in schwierige Situationen bringen. Hier in Versailles hat etwa ein Orchester viel unbezahlte Arbeit investiert, um für ein großes Bachkonzert zu proben – das Geld sollte durch die Einnahmen der Tournee hereinkommen. Die ist jetzt abgesagt, es gibt keine Einnahmen, kein Gehalt. Wie schwierig das alles wird, nicht nur für die Künstler, sondern für alle, das wird sich in den kommenden Monaten zeigen, man kann das ja noch nicht absehen.

Während der Corona-Krise wurde kürzlich die deutsch-französische Grenze von deutscher Seite geschlossen – wie haben Sie diese Grenzschließung empfunden?

HAMARD In Krisenzeiten sind in den Köpfen der Menschen sofort wieder Grenzen da – nicht nur die deutsch-französische. Da neigt man oft dazu, wieder national zu denken. Andererseits war ich sehr berührt, als ich erfahren habe, dass sich das Saarland bereit erklärt, erkrankte Menschen aus Frankreich bei sich zu behandeln. Das habe ich sofort auf Facebook gepostet. Es ist eine beispielhafte, besondere Geste der Solidarität und auch der deutsch-französischen Freundschaft. Wir sind dem Saarland dafür sehr dankbar und gerade jetzt, wo viele nur an sich denken – Angst lässt Menschen seltsam reagieren –, bestärkt eine solche Aktion. Wenn man aus dem Ganzen immerhin ein Positives ziehen kann, dann vielleicht das: Wir werden, wenn das alles überstanden ist, manches möglicherweise anders sehen. Für vieles, was wir bisher als selbstverständlich angesehen haben, Kontakt, Berührungen, Zusammensein, werden wir später viel dankbarer sein als jemals zuvor.

Informationen zum Festival unter www.festival-perspectives.de und
facebook.com/FestivalPERSPECTIVES