| 23:37 Uhr

Neue Ausstellung in der Völklinger Hütte
In der Gebläsehalle: Die Queen als Seriendarstellerin der Zeitgeschichte

Elizabeth bestieg am 6. Februar 1952 den englischen Thron.
Elizabeth bestieg am 6. Februar 1952 den englischen Thron. FOTO: SZ / OperatingSZ1, SZ
Völklingen. Kein Klatsch, kein Boulevard: Die Ausstellung „Legende Queen Elizabeth II.“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte nähert sich der britischen Monarchin mit Respekt. Zu sehen sind 1500 Exponate. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte hat sich seinen ersten Rang unter den touristischen Zielen im Saarland nicht durch industriekulturelle Elite-Veranstaltungen, sondern durch massenwirksame Ausstellungen erkämpft. Die einzige Programm-Linie, die erkennbar ist, lautet: Alles, was Publikum zieht, ist erlaubt. Insofern verblüffte auch die Ankündigung einer Ausstellung zur Stilikone und Legende Queen Elizabeth II. nicht. Zumal Generaldirektor Meinrad Maria Grewenig damit strategisch neue Publikumssegmente erschließen will – Menschen, die sich für Zeitgeschichte interessieren. Elizabeth II. sei dafür die „maximal mediale Gestalt“, so der Weltkulturerbe-Chef am Freitag. 50 000 Besucher soll die 450 000 Euro teure Ausstellung „Legende Queen Elizabeth II. Sammlung Luciano Pelizzari“ anziehen – kein Mega-Event also. Gespiegelt wird die Figur der Queen durch insgesamt 1500 eher kleinteilige Exponate: Fotos, Gemälde, Briefmarken, Porzellan und Münzen.

Zweifelsohne serviert uns Grewenig hier eine der kuriosesten Kombinationen von Thema und Ausstellungsort: Die monarchische Upperclass-Welt ist zu Gast an einem proletarischen Arbeitsort. Und nein, das passt beim besten Willen nicht zusammen, vor allem wächst es atmosphärisch nicht so recht zusammen. Denn die oft filigranen Ausstellungsstücke können sich zwischen den schwarzen Riesenmaschinen kaum behaupten. Selbst die bis zu vier Meter hohen Porträts der Queen mildern den Eindruck nicht, dass die Gebläsehalle zu mächtig ist für die Hommage an nur eine Person, sei diese auch eine Gigantin wie die englische Königin. Denn ja, das schafft diese Ausstellung dann doch mühelos, dass sie die außerordentlichen Repräsentations-Qualitäten dieser Frau noch einmal vor Augen führt, deren Privat- und Familienleben hier allerdings nur gestreift wird. Schlüsselloch-Gucken in den Palast? Keine Chance.

Elizabeth II. regiert so lange wie niemand sonst in der westlichen Welt, nämlich seit 1952. Und w i e sie das macht! Skandalfrei, souverän, bienenfleißig – 500 Termine listet der Hofkalender jährlich auf. Und immer tritt die Royal Highness tiptop auf, mit mäßig glitzerndem Schmuck, Handtasche und Hut – welch eine amüsante, bizarre Parade über die Jahre. Dass die Queen modeverrückt sein soll, das verrät ihre zeitlos-stilvolle „Dienstuniform“ freilich nicht. Eines allerdings doch: den Mut zur grellen Farbe von Mamba-Grün bis zu Babyrosa. Wow!



Auch, dass sich die 92-jährige Elizabeth einer eisernen Gesundheit erfreut, Basis eines vorbildlichen Alterungsprozesses, lässt sich in der Hütte nachvollziehen. Insbesondere leisten dies die royalen Reportage-Jahresporträts von BBC London, die die Ausstellungsmacher dem Rundgang als chronologisches Rückgrat eingezogen haben. Die Aufnahmen halten vom Geburtsjahr 1926 bis heute je einen repräsentativen Moment fest. Zunächst blättert man in einer Art Familienalbum: die Queen als Kind, es sind frappierende Momente. Doch im Rundgang formt und perfektioniert sich das „offizielle“ mediale Bild, das zugleich Zeit- und Gesellschaftsgeschichte transportiert: Staatsbesuche in Neu-Delhi, Ausritte auf Schloss Balmoral, Pferderennen in Ascot, Thronjubiläen und Hochzeiten. Die Queen erscheint als eine Art Seriendarstellerin der Weltnachrichten, als gute alte Bekannte. Was nicht etwa Langeweile auslöst, sondern Respekt, ja Wiedersehensfreude.

Gleichwohl vermisst man just bei den Druck-Reproduktionen der BBC-Fotos das, was die oft großartig inszenierten Fotografien in Fülle liefern, die aus der Queen-Sammlung des im Saarland lebenden Malers Luciano Pelizzari stammen: Aura. Pelizzari war Meisterschüler von Pietro Annigoni (1910-1988), der 1954 und 1955 zwei Porträts des Prinzen Philipp und der Queen anfertigte – der Funke sprang über.

Das Ergebnis: die laut Weltkulturerbe weltweit größte Foto- und Briefmarkensammlung mit Queen-Abbildungen. Philatelisten würden wohl vor einigen Vitrinen niederknien, prophezeite am Freitag der Weltkulturerbe-Chef. Etwa vor der ersten Briefmarke der Welt, der „One Penny“ (1840) oder der blauen und roten Mauritius-Freimarke (1912). Dem Nicht-Experten vermittelt sich die Wertigkeit der Briefmarken kaum, ähnlich ergeht es ihm mit den Münzen und dem Souvenir- und Erinnerungs-Porzellan, das sich die Briten bei Krönungen oder Thronjubiläen für den Kaminsims anschaffen. Aber wer Wedgwood schätzt, wird hier vor Freude hüpfen. Kunst-Fans freilich werden enttäuscht von dannen ziehen. Queen-Gemälde von Andy Warhol und Lucian Freud als banale Flachdrucke, das tut richtig weh. Was tröstet? Die Haltung der Ausstellungsmacher. Sie fahndeten nicht nach der Privatperson Elizabeth, nach Marotten und Familienabgründen, sie haben die Queen nicht in Boulevardblatt-Manier entblößt. Ein Psychogramm fällt aus, die Würde bleibt.

Geöffnet ist die Ausstellung „Legende Queen Elizabeth II.“ im Weltkulturerbe Völklinger Hütte während der Sommersaison täglich von 10 bis 19 Uhr.

Elizabeth II. bei ihrer Thronrede im britischen Parlament am 3. Dezember 2008.
Elizabeth II. bei ihrer Thronrede im britischen Parlament am 3. Dezember 2008. FOTO: SZ / OperatingSZ1, SZ
Eine Porzellan-Teekanne zum Goldenen Thronjubiläum (2002) von Queen Elizabeth II. ist in der Völklinger Hütte zu sehen.
Eine Porzellan-Teekanne zum Goldenen Thronjubiläum (2002) von Queen Elizabeth II. ist in der Völklinger Hütte zu sehen. FOTO: dpa / Oliver Dietze