| 22:26 Uhr

Foo Fighters in Hamburg
„Ich fühle mich wie Beyoncé“

Frontmann Dave Grohl rockte mit seinen „Foo Fighters“ am Wochenende die Hamburger Trabrennbahn.
Frontmann Dave Grohl rockte mit seinen „Foo Fighters“ am Wochenende die Hamburger Trabrennbahn. FOTO: dpa / Thomas Frey
Hamburg. 60 000 Zuschauer kamen am Sonntag zum Rockkonzert der Foo Fighters auf der Hamburger Trabrennbahn Bahrenfeld. Von Mirko Reuther

Wer ab Sonntagmittag in Hamburg mit der S-Bahn Richtung Altona fahren will, braucht Geduld, besser noch: Nerven aus Stahl. Menschen, die hautengen Körperkontakt zu ihren Mitreisenden nicht scheuen, können sich an den Haltestellen Dammtor oder Sternschanze noch in die Bahn quetschen. Wer an der Holstenstraße zusteigen will, erntet aber nur noch mitleidige Blicke und bedauernde Sätze: „Hier ist voll, sorry, vielleicht klappt‘s ja bei der nächsten.“ Vermutlich nicht. Denn das Konzert der Foo Fighters stellte den Hamburger Nahverkehr am Sonntag auf eine ernste Belastungsprobe. 60 000 Zuschauer wollten die Rockband aus Seattle auf der Trabrennbahn Bahrenfeld sehen. Zu den Rolling Stones kamen dort 1998 sogar mal 70 000 Menschen. „Als ich die vielen Leute gesehen hab, dachte ich, hier muss noch was anderes stattfinden. Die können doch nicht alle wegen uns hier sein. Vor so vielen Menschen haben wir in Deutschland noch nie gespielt“, staunte Frontmann Dave Grohl, als er von der Bühne auf die Menge blickte.

Der Satz bewegte sich freilich hart an der Grenze zur Koketterie. Die Foo Fighters, die 1994 vom ehemaligen Nirvana-Schlagzeuger Grohl gegründet wurden, sind längst weltweit eine der erfolgreichsten Bands überhaupt und müssen Vergleiche mit Rockriesen wie Metallica oder den Red Hot Chili Peppers nicht scheuen. Das Hamburger Abendblatt adelte Grohl und Co jüngst sogar als „beste Liveband unserer Zeit“. Und am Sonntag schien es, als wollten die Foo Fighters den Vorschusslorbeeren um jeden Preis gerecht werden. „It‘s gonna be a long night, motherfuckers“, warnte Grohl, bevor er die Trabrennbahn mit dem luftig-beschwingten „Learn to fly“ und dem energiegeladenen „Pretender“ zum kollektiven Kopfnicken und Tanzen brachte. Der 49-Jährige mit der Zottelmähne jagte wie ein Derwisch über die Bühne und war nicht zu überhören.

Auch weil die Klangqualität selbst in den hinteren Reihen des Konzertgeländes noch ausgezeichnet war. Zu sehen bekam Grohl aber nicht jeder. Wer nicht schon seit den Mittagsstunden auf der Trabrennbahn ausharrte, oder sich zumindest während der Vorbands The Kills und Woolf Alice den Weg nach vorne gebahnt hatte, sah die Foo Fighters entweder auf einer Videoleinwand oder als kleine Pünktchen auf der hundert Meter entfernten Bühne hüpfen. Dass die Seattler so viele Menschen anziehen, ist zum einen der über 20-jährigen Bandgeschichte geschuldet. Zum anderen ist das musikalische Paket, das die Foo Fighters schnüren, im positiven Sinne massentauglich. In Hamburg standen Väter mit ihren Söhnen und Mütter mit ihren Töchtern gemeinsam im Publikum. In der Toilettenschlange wartete ein älterer Herr im pinken Batik-Shirt hinter einem am ganzen Körper tätowierten Stiernacken.



Dass die Foo Fighters musikalischer Konsens sind, gefällt nicht jedem. Die Musik sei zu sehr auf Radiotauglichkeit getrimmt und daher eindimensional, lautet der Vorwurf der Kritiker. Und tatsächlich haben die Foo Fighters mit der grüblerisch-aggressiven Klangwelt ihrer Vorgängerband Nirvana nichts mehr gemein. Die Foo Fighters spielen Stadionrock ohne große Ecken und Kanten. „Ich habe nie den Drang verspürt, etwas anderem nachzugehen. Und dafür werden wir verflucht. Ich will aber keine Reggae-Platte machen“, wurde Grohl zuletzt zitiert. Aber auch wenn die Band nicht zu den experimentierfreudigsten gehört – oder gehören will – war in Hamburg durchaus Abwechslung geboten.

Bassist Nate Mendel stimmte „Another one Bites the Dust“ von Queen an. John Lennons „Imagine“ und van Halens „Jump“ wurden zu einem wohl einzigartigen Medley verwoben. Für „Under Pressure“ (Queen) tauschten Grohl und Schlagzeuger Taylor Hawkins mal eben die Rollen. Und mit dem „Blitzkrieg Bop“ ging auch noch ein Gruß an die Ramones raus. „So viele Zuschauer und der Wind in meinen Haaren, jetzt weiß ich wie Beyoncé sich fühlt“ scherzte Grohl, bevor die Foo Fighters bei einsetzender Dunkelheit und Lichtshow noch einmal die Schlagzahl erhöhten. Nach fast dreistündiger Spielzeit endete das Konzert mit den Hits „Best of You“ und „Everlong“. „Ich möchte euch danken. Auch nach über 20 Jahren und trotz der vielen anstrengenden Reisen ist das hier immer noch der großartigste Job der Welt“, gab Grohl den Zuschauern noch mit auf den Weg. Und auch wenn bei solchen Sätzen schnell der Plattitüden-Alarm schrillt – diese Leidenschaft hörte man den Foo Fighters auf der Trabrennbahn in jeder Sekunde an. Auch das ist ein Grund, warum 60 000 Menschen beinahe den Hamburger Nahverkehr lahmlegten.