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Hörbuch-Tipp
Wie die Demokratie ins Desaster schlitterte

Die ungeliebte Demokratie von Hans Sarkowicz
Die ungeliebte Demokratie von Hans Sarkowicz FOTO: Der Hörverlag
Zweibrücken. Hans Sarkowicz zeichnet in seinem Hörbuch „Die ungeliebte Demokratie“ das Scheitern der Weimarer Republik nach. Besonders kurzweilig und interessant machen das Werk die vielen eingebauten Originaltöne aus der damaligen Zeit. Von Eric Kolling

Erst wenige Tage ist es her, dass an den Gründungstag der Weimarer Republik vor 100 Jahren erinnert wurde. Der Vorläufer der Bundesrepublik Deutschland entstand nach dem Ersten Weltkrieg als erster demokratischer Staat auf deutschem Boden. Aber es fehlte dieser Demokratie an überzeugten Demokraten, und ihre Gründerväter hatten so manchen Geburtsfehler begangen, etwa dem Reichspräsidenten zu viel Macht zugebilligt. So war das fragile Gebilde nach nur 15 turbulenten Jahren der Weltgeschichte zur NS-Diktatur umgeformt.

So manche Entwicklung von einst, die beim Lauschen von Hans Sarkowiczs „Die ungeliebte Demokratie – Die Weimarer Republik zwischen rechts und links“ auffällt, kommt einem bekannt vor. Aufstrebende rechte Tendenzen, schwache Volksparteien und eine Parteienzersplitterung in Parlamenten, das Aufkommen staatszersetzender Tendenzen und von Antisemitismus. Insofern ist das Werk als Mahnmal aktueller denn je. Zeigt es doch chronologisch die verheerende Entwicklung der Weimarer Republik von ihrer Ausrufung durch Philipp Scheidemann am 9. November 1918 bis hin zur Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 – ihrem faktischen Ende: Die politische Linke sang das Loblied des Kommunismus, während die Rechte um die NSDAP die Soldaten des Ersten Weltkriegs als neue Elite beschwor. Eine Zeit, die auch durch Geldentwertung, Wirtschaftskrise und Parlamentsauflösungen geprägt wurde.

Hans Sarkowicz erklärt anschaulich die Hintergründe auch durch Expertenbeiträge, etwa durch Einspielungen des Historikers Ulrich Herbert oder des emeritierten Literaturprofessors Helmut Kiesel. Sie kommentieren die künstlerischen und politischen Debatten der damaligen Zeit. Weil das Radio eine besondere Rolle spielte – und auch für politische Propaganda missbraucht wurde –, sind in alten Beiträgen auch die wichtigsten Politiker, Schriftsteller und andere Künstler zu hören. Dazu zählen nicht zuletzt Ernst Toller, Thomas Mann, Albert Einstein, Joachim Ringelnatz oder Alfred Döblin, dessen zweiteiliges „November 1918. Eine deutsche Revolution“ der Hörverlag vor Jahren ebenfalls herausgebracht hatte. Das macht diese zweieinhalb Geschichtsstunden sehr kurzweilig und hörenswert.



Ein 20-seitiges Booklet unter anderem mit einem Text von Sarkowicz („Von der Demokratie zur Diktatur – Das langsame Erlöschen der Weimarer Republik) bietet über die CD hinaus auch allgemeinverständlichen Lesestoff über die geschichtliche Entwicklung.

Hans Sarkowicz: Die ungeliebte Demokratie – Die Weimarer Republik zwischen rechts und links, Der Hörverlag, 164 Minuten, ISBN: 978-3-8445-2880-0.