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Musikalische Experimente
Noten auf weiße Blätter zaubern

 Die Kompositionsstudenten Jakob Raab (l.) und Olivia Artner im Studio eSpace mit Musikhochschul-Professor Arnulf Herrmann.
Die Kompositionsstudenten Jakob Raab (l.) und Olivia Artner im Studio eSpace mit Musikhochschul-Professor Arnulf Herrmann. FOTO: Foto: Sebastian Dingler
Saarbrücken. Musikhochschule Saar bildet Studenten in Komposition von Neuer Musik aus. Absolventen stehen viele Wege offen. Von Sebastian Dingler

Offiziell nennt sich der Studiengang an der Musikhochschule „Bachelor“ beziehungsweise „Master of Music, Künstlerisches Profil Ausrichtung Komposition“. Konkret werden derzeit sechs Studenten in Komposition von Neuer Musik ausgebildet. Wobei, das wird im Gespräch mit Professor Arnulf Herrmann und seinen Studenten Olivia Artner und Jakob Raab schnell klar, der Begriff „Neue Musik“ nicht eindeutig definiert ist. „Es gibt ja auch die Bezeichnungen ‚aktuelle Musik‘, ‚moderne Musik‘ oder ‚zeitgenössische Musik‘“, erklärt Herrmann. Ganz glücklich sei man mit all diesen Definitionen nicht. Jedenfalls: Es ist kein Jazz, was in diesem Studiengang gelehrt wird, und es gilt auch: „Wenn jemand Brahms stilistisch kopieren möchte, ist er bei uns falsch.“

Es geht mehr in die Richtung dessen, was unter anderem Karlheinz Stockhausen und Pierre Boulez in den 1950er Jahren an Experimenten versucht haben, ist aber heute stilistisch sehr viel offener. „Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurde der Schritt in die Atonalität gemacht, aber zwischen 1951 und 1955 wurde in der Musik die Stunde Null ausgerufen, was natürlich unmöglich war. Dennoch war es eine extrem fruchtbare Zeit, weil die damaligen Komponisten so radikal waren“, sagt der 1968 geborene Herrmann.

Das Problem: Diese Musik hat nie den Geschmack der großen Masse getroffen. Wie also kann sich ein Absolvent dieses Studiengangs später mal über Wasser halten? Olivia Artner meint, es gebe nicht den einen Weg. „Man kann verschiedene Dinge machen: Multimedial mit anderen Künstlern zusammenarbeiten, Auftragskompositionen erstellen, ein eigenes Ensemble gründen oder selbst performen.“ An der Mandoline wird sie auch als Instrumentalistin ausgebildet, damit besitzt sie ein zweites Standbein. Jakob Raab, der im zehnten Semester im Master Komposition studiert, will gar nicht erst so weit nach vorne schauen: „Ich denke immer nur in Halbjahresabschnitten.“



Arnulf Herrmann meint, dass beide gar nicht ahnen können, was hinter der nächsten Straßenecke kommt, oder anders ausgedrückt: „Es ergeben sich Möglichkeiten, von denen Jakob und Olivia noch gar nichts wissen.“ Entscheidend sei, dass sie die nächsten zehn Jahre zum Komponieren kommen und sich nicht im Unterrichten verlieren. „Wenn man diese Brücke schafft, diese Durststrecke, dann hat man im Idealfall so viel geschrieben, dass die Leute einen wahrnehmen.“

Das Feld, das den Studenten eröffnet werde, sei aber unglaublich groß. „Die meisten finanzieren sich übers Unterrichten, dann gibt es Stipendien oder Auftragshonorare. Man wird die ersten zehn Jahre nie von dem Einen leben.“ Zurück zur Gegenwart: Wie sieht so ein Kompositionsstudium aus, wie bringt man jemandem das Komponieren bei? „Was man natürlich nicht lehren kann, ist der kreative Umgang mit Musik“, sagt der Professor, der selbst jeden Tag komponiert und gesteht, dass er das auch unbedingt braucht. Zum einen ist er zutiefst davon überzeugt, dass „das Dorf die Kinder erzieht“. Damit meint er das breite Angebot, das er zusammen anbietet unter anderem mit Manuel Nawri, dem Professor für Ensembleleitung Neue Musik, Gary Berger, dem Leiter des Studios für experimentelle und elektronische Musik an der HfM namens eSpace und Stefan Litwin, dem Instrumentalmaster Neue Musik.

Zum anderen sieht Herrmann seine Rolle als Begleiter der Kompositionsprozesse seiner Studenten. „Aus meiner Erfahrung heraus überlege ich mir, was ich den Studenten mitgebe. Das sind eigentlich nie direkte Ansagen wie ‚Mach dies oder jenes‘, sondern: Von welcher Seite aus könnte man jetzt noch mal über das Ganze nachdenken.“ Konkreter sind da die Kurse in Instrumentation oder in der Analyse der Partituren anderer Komponisten. „Es ist ein Blumenstrauß von Dingen, von dem sich jeder mitnehmen sollte, was er sich mitnehmen möchte.“

Olivia Artner beschreibt den Lernprozess in dem Studiengang so, dass sie ihre kompositorischen Fortschritte mit Herrmann bespricht. „Man komponiert die Woche über und zeigt es dann vor.“ Das sei hilfreich, wenn der Professor darauf schaue, etwa, wenn sie an einem Punkt feststecke. Für das, was Professor Herrmann seinen Studenten vermitteln möchte, benutzt er gerne ein Bild: „Dass eine Tür aufgeht in den Raum: hineingehen müssen sie dann selber.“