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Zauberlehrling ist zum Mythos geworden
Harry Potter ist jetzt auch schon 20

Eine der sehr erfolgreichen Verfilmungen: Daniel Radcliffe 2010 in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes: Teil 2“.
Eine der sehr erfolgreichen Verfilmungen: Daniel Radcliffe 2010 in „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes: Teil 2“. FOTO: Courtesy of Warner Bros Pictures / Photo courtesy of Warner Bros. P
Saarbrücken. Wie die Zeit vergeht: Vor nunmehr 20 Jahren erschien der erste Band über den Zauberschüler Harry Potter in deutscher Übersetzung. Der Erfolg des Werks hat eine ganze Branche revolutioniert. Allerdings warnte ein Papst vor „subtilen Verführungen“. Von Paula Konersmann

(kna) Das Herzklopfen. Die zittrigen Finger beim Umblättern. Die ständige Sorge, einer Lieblingsfigur könnte etwas Schreckliches zustoßen – und gleichzeitig der Drang, weiterzulesen, immer weiter. Was für frühere Generationen die Wildwest-Abenteuer von Karl May waren, ist für viele jüngere Leseratten die Romanreihe „Harry Potter“. Vor 20 Jahren, am 28. Juli 1998, erschien der erste Band in deutscher Übersetzung. Der Carlsen-Verlag feiert das Jubiläum unter anderem mit edlen Schmuckausgaben.

Joanne K. Rowling (52), die heute als eine der reichsten Frauen von Großbritannien gilt, wusste nach eigenem Bekunden bereits mit sechs Jahren, dass sie Schriftstellerin werden möchte. 1990 saß sie in einem verspäteten Zug am Londoner King‘s Cross und sah – so erzählte sie es später – erstmals diesen dunkelhaarigen Jungen vor ihrem inneren Auge, der nicht wusste, dass er ein Zauberer war. Wieder zu Hause, begann sie zu schreiben. Im selben Jahr starb Rowlings Mutter; sie heiratete einen TV-Journalisten, der sie und ihre Tochter nach einem Jahr verließ. Fortan schrieb sie in Cafés oder ihrer kleinen Wohnung in Edinburgh. Die arbeitslose, alleinerziehende junge Mutter fand schließlich einen Literaturagenten – der zunächst jedoch zwölf Absagen kassierte. Dann bot Bloomsbury 1500 Pfund Vorauszahlung für „Harry Potter und der Stein der Weisen“ und druckte zunächst eine Kleinauflage von 500 Stück.

Als der zweite Band erschien, war die Nachfrage bereits hoch. Ein Jahr später erhielt die Autorin tausende Briefe pro Woche. Der „Potter-Effekt“ betraf nicht mehr nur sie selbst, sondern den gesamten Markt der Kinderbuchliteratur. „Harry Potter“ sei für Kinderbücher gewesen wie die „Beatles“ für die Popmusik, sagte die schottische Jugendbuchautorin Julie Bertagna einmal: eine Revolution.



Auch in Deutschland verbinden Eltern, Lehrer und Verlagsleute mit „Harry Potter“ bis heute die Hoffnung, Kinder – vor allem Jungen – wieder für das Lesen zu begeistern. Rowling erklärte dazu einmal im „kultur Spiegel“, dies belege ihre Überzeugung, „dass Lesen eine einzigartige Erfahrung ist. Ein Buch kann unvergleichliche Welten und Erlebnisse erzeugen. Film und Computer können das nicht leisten.“

Indes stieß der moderne Zauberlehrling nicht überall auf Begeisterung. In manchen christlichen Buchhandlungen waren die Romane zeitweise verboten; kein Geringerer als Papst Benedikt XVI. äußerte die Befürchtung, die „subtilen Verführungen“ darin könnten den christlichen Glauben verderben. Später lobte indes die Vatikanzeitung „L‘Osservatore Romano“ die „Harry Potter“-Verfilmungen; Doktorarbeiten untersuchten etwa die Konzeption von Sterblichkeit in der Romanreihe.

In den Büchern selbst wird Religion selten direkt thematisiert. Auf den Grabsteinen verschiedener Figuren finden sich aber Bibelzitate: „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod“ (1. Kor 15,26) steht auf jenem von Harrys Eltern; auf dem des Leiters der Zauberschule Hogwarts, Albus Dumbledore, heißt es: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt 6,21).

Vom kinderfreundlichen Kampf zwischen Gut und Böse wandelte sich die Reihe zum teils düsteren Jugendbuch, das Aktuelles reflektierte. Der Amoklauf von Columbine 1999 oder der Terror vom 11. September 2001 fanden ihren Widerhall. Der Autor Tilman Spreckelsen analysierte, Rowling habe nachgezeichnet, wie überwunden geglaubtes Gedankengut langsam in eine Welt zurückkehre, die davor die Augen verschließe. „Es fällt nicht schwer, darin den Ausdruck einer tiefen Sorge der Autorin zu erkennen“, schrieb er in der „FAZ“. Politisch äußert sich Joanne K. Rowling heute ganz direkt auf Twitter. Sie schreibt weiter und wirkt an der Verfilmung ihrer Werke mit, zuletzt als Produzentin 2016 bei „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“. Ihr modernes Märchen ist noch nicht vorbei.

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Verlagen abgelehnt, heute eine der reichsten Frauen Englands: Autorin Joanne K. Rowling.
Anfangs von Verlagen abgelehnt, heute eine der reichsten Frauen Englands: Autorin Joanne K. Rowling. FOTO: dpa/dpaweb / Oliver Stratmann