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Filmkritik
Gute Schauspieler, bescheidene Umsetzung

Blu-Ray-Cover "The Circle"
Blu-Ray-Cover "The Circle" FOTO: Universum Film
Zweibrücken. „The Circle“ hätte das Zeug zum Hit gehabt: Doch die inzwischen fürs Heimkino erschienene Mischung aus Thriller und Satire scheitert am Drehbuch.

Der Buchautor Dave Eggers weiß, wie er den Markt bedient: Er schrieb „Ein Hologramm für den König“ über westliche Investoren in Arabien oder legte „Weit gegangen“ vor, die Geschichte des afrikanischen Flüchtlingskindes Valentino Achak Deng. Auch veröffentlichte er ein Buch über Armut unter Weißen in den USA. Immer ist Eggers nah dran an der gesellschaftlichen Debatte – und genauso regelmäßig werfen ihm Kritiker vor, dass sein Erfolg mehr am Zeitgeist als am literarischen Wert seiner schnell hingeschusterten Bücher liegt.

Bei keinem anderen Werk war diese Debatte lauter als bei seinem bekanntesten Roman „Der Circle“. Als die Social-Network-Dystopie vor vier Jahren hierzulande erschien, sorgte der gern genährte Technikgrusel des deutschen Publikums schnell dafür, dass sie an die Spitze der Bestsellerlisten schoss. Inzwischen ist die Filmadaption fürs Heimkino erschienen (Universum Film, DVD, 105 Minuten, Blu-Ray 110).

Im Zentrum der Geschichte steht die Mittzwanzigerin Mae, deren Freundin ihr ein Vorstellungsgespräch beim heißesten Internet-Giganten in Silicon Valley verschafft und sie so aus ihrem öden Büroleben befreit. „Circle“ heißt die Firma, ein riesiges soziales Netzwerk, das die düstersten Überwachungs- und Selbstentblößungsfunktionen von Google, Facebook und Co. in einem einzigen Unternehmen zusammenfasst. Mae ist vom Leben auf dem „Campus“ genannten Firmengelände des „Circle“ angetan, schnell steigt sie intern zum Liebling des väterlichen Chefs Eamon Bailey auf. Alte Freunde und ein in Ungnade gefallener früherer Mitarbeiter warnen sie aber vor den Allmachtsfantasien des überdrehten Unternehmens.



Möglicherweise hätte Regisseur James Ponsoldt aus dieser zeitgemäßen Geschichte einen kritischen Film drehen können. Er hat schon mit kleineren Budgets für die Coming-of-Age-Romanze „The Spectacular Now“ oder den David-Foster-Wallace-Interviewfilm „The End of the Tour“ bewiesen, dass er intim und eindringlich inszenieren kann.

Auch eine bis in die Nebenrollen exzellente Besetzung mit vielen Schauspielern auf dem aktuellen Zenit ihrer Karriere sollte für den Film sprechen: Hauptdarstellerin Emma Watson ist nach „Die Schöne und das Biest“ derzeit eine der erfolgreichsten Schauspielerinnen weltweit, John Boyega startet mit „Star Wars“ und „Detroit“ durch und Tom Hanks passt ohnehin hervorragend zur Rolle als gütiger Firmenchef mit möglicherweise zwielichtigen Motiven.

Sie alle bekommen aber von Ponsoldt und Eggers ein so dermaßen unausgegorenes Drehbuch um die Ohren gehauen, dass es schnell zum Ärgernis wird. Watson muss ständig besorgt auf ihren Computerbildschirm starren, ihre Begeisterung für den „Circle“ kommt genauso aus dem Nichts wie zuvor die behauptete Orientierungslosigkeit ihres Charakters. Boyega dagegen steht während Firmenpräsentationen stets besorgt im Halbdunkel riesiger Säle – und der extrem charmante Ellar Coltrane aus „Boyhood“ muss plump den Es-gibt-sie-noch-die-guten-Dinge-Naturfreund von Mae geben und Sätze sagen wie: „Früher hatten wir offline Spaß“. Insgesamt verkennt der Film, wie sehr die Bedrohung der Privatsphäre als gesellschaftliches Thema hinlänglich durchgekaut ist und dass gerade die heutige Teenager-Generation sich vielen Inszenierungsmechanismen im Netz bewusster ist, als es ihre besorgten Großeltern, Onkel und Tanten oft glauben. Hätten die Macher von „The Circle“ mehr mit diesen jungen gesprochen, wäre ihnen vielleicht ein wirklich zeitgemäßer Film gelungen.