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Unesco nimmt Antrag Deutschlands an
Gute Nachricht: Orgelbau und Orgelmusik sind jetzt Kulturerbe

Auch im Saarland werden Orgeln gebaut: Unser Archivbild von 2014 zeigt Orgelbaumeister Stephan Mayer in der Werkstatt der Hugo Mayer Orgelbau GmbH in Heusweiler.
Auch im Saarland werden Orgeln gebaut: Unser Archivbild von 2014 zeigt Orgelbaumeister Stephan Mayer in der Werkstatt der Hugo Mayer Orgelbau GmbH in Heusweiler. FOTO: Oliver Dietze
Ludwigsburg/Seoul. Freunde der Orgelmusik im Glück: Orgelbau und Orgelmusik, in Deutschland so präsent wie sonst kaum irgendwo, gehören nun zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. Der zuständige Ausschuss der Unesco nahm den deutschen Antrag gestern bei seiner Sitzung auf der südkoreanischen Ferieninsel Jeju an. Diese Anerkennung müsse nun genutzt werden, damit „personelle und finanzielle Ressourcen für den Erhalt und die Fortschreibung des Instruments und seiner Kultur eröffnet werden“, sagte der Musikwissenschaftler und Mitinitiator der Antrags, Michael Kaufmann. In der Verantwortung seien nicht nur die Kirchengemeinden als Eigentümer von Orgeln, sondern auch der Staat, der etwa die Ausbildung regele. Kaufmann lehrt an der Hochschule für Kirchenmusik der Badischen Landeskirche in Heidelberg.

Für den 50 Jahre alten Experten ist die Orgel weit mehr als ein Kircheninstrument. Sie sei über Jahrhunderte bei höfischen Festen und zu Bauerntänzen gespielt worden. In den 1920er Jahren hätten Kino-Orgeln zur musikalischen Untermalung von Stummfilmen gedient. Und schon vor dem Wendeherbst 1989 in der DDR seien Orgelkonzerte ein Symbol des Widerstands gewesen, erklärt er.

Bundesweit werden etwa 50 000 Orgeln von Zehntausenden von haupt- und nebenamtlichen Organisten gespielt. Wer Orgelbauer werden will, lernt das alte Handwerk an der Oscar-Walcker-Schule in Ludwigsburg, der zentralen Ausbildungsstätte für den Orgelbau. Die Lage des Orgelbaus in Deutschland sei nicht einfach, weil es immer weniger Geld gebe und zudem etwa Kirchen und damit die Orgeln aufgegeben würden, sagt der Abteilungsleiter Musikinstrumentenbau an der Schule, Werner Stannat.

Die Liste des immateriellen Kulturerbes, die die weltweite Vielfalt abbilden soll, umfasst nun 398 Kulturformen. Darunter sind lebendige Traditionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Musik, mündliche Überlieferungen, Naturwissen und Handwerkstechniken. Gelistet sind zurzeit unter anderem das Genossenschaftswesen aus Deutschland, der Tango aus Argentinien und Uruguay, die traditionelle chinesische Medizin und die italienische Geigenbaukunst.



„Die Orgelkultur ist eine traditionelle Kulturform, die in Deutschland eine wichtige Basis hat“, sagt der Vizepräsident der Deutschen Unesco-Kommission, Christoph Wulf. Die vielen lokal- und regionalspezifischen Orgelbaustile, Kompositionen und Aufführungsformen sowie staatliche und kirchliche Ausbildungsmöglichkeiten seien Belege dafür, wie lebendig die Orgelkultur ist. Seinen Ursprung habe das Instrument vor mehr als 2000 Jahren im hellenistischen Ägypten – sei seit dem Mittelalter aber vor allem in Deutschland weiter entwickelt worden. Musikfreunde weltweit schätzen Orgeln als musikalische Glanzpunkte von orchestraler Strahlkraft.

Wer eine so hochkomplexe Maschine wie eine Orgel bedienen will, müsse enorme Denkarbeit leisten, sagt Musikwissenschaftler Kaufmann. „Um sich zu koordinieren, müssen Kopf und Körper im Einklang sein“, sagt er. „Der Atem muss fließen, dann fließt auch die Musik.“ In der Stephanskirche in Karlsruhe bedient er eine Orgel der Werkstatt Klais (Bonn), zieht die Register, greift in die Tasten, tanzt über die Pedale, der ganze Körper ist in Aktion. „Es ist ein Gefühl von Erhabenheit und Demut gleichermaßen“, meint der Musiker, und lässt die voluminösen Klänge sich im Raum entfalten. Er sieht nun eine Perspektive, die Traditionen des Bauens und Spielens von Orgeln neuen Generationen ungebrochen zu überliefern.