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Gespräch mit Wettbewerbsregisseur Gregor Schmidinger
Ein heilsamer Akt kreativer Zerstörung

  Paul Forman und Simon Frühwirth (re.) in einer Szene des Ophüls-Wettbewerbsfilms „Nevrland“.
Paul Forman und Simon Frühwirth (re.) in einer Szene des Ophüls-Wettbewerbsfilms „Nevrland“. FOTO: Salzgeber Filmverleih / Orbrock Filmproduktion
Saarbrücken . Gregor Schmidinger, Regisseur des bezwingenden Ophüls-Wettbewerbsfilms „Nevrland“, über sein Debüt und dessen Entstehungsgeschichte. Von Christoph Schreiner

Ist, was Gregor Schmidinger im Frühstücksraum des Saarbrücker Hotels am Triller da gerade auszieht, nicht der schwarze Kaputzenpulli mit dem weißen Gittermuster, den seine Hauptfigur Jakob in einer Schlüsselszene von Schmidingers „Nevrland“ in einem Techno-Club abstreift, um mit nacktem Oberkörper loszutanzen? Er ist es. Es ist die Szene, in der seine Chat-Bekanntschaft Krystian (Paul Forman) den von dem 17-jährigen Laiendarsteller Simon Frühwirth fulminant dargestellten Jakob von hinten sachte auf die Tanzfläche schiebt, um sich dann langsam zurückzuziehen. Weil der unter traumatischen Angstzuständen und seiner nicht offensiv ausgelebten sexuellen Veranlagung leidende Jakob nun endlich er selbst sein kann.

„Nevrland“ ist ein hinreißender Film. Radikal in seiner Erzählweise, Ästhetik und Machart. Und dabei in jeder Einstellung psychologisch plausibel und ein ganzes Netz an Motiven auswerfend, die Jakobs Angst- und Rettungsphantasien symbolisieren. Kaum zu glauben, dass dies ein Spielfilmdebüt ist. Bislang hatte Schmidinger (33), erst zwei sogenannte Gay-Shortfilms gemacht – der eine, „The boy next door“ (2008), wurde auf Youtube zwölf Millionen Mal geklickt. Schmidinger erzählt, dass Michael Schleinzer – Regisseur des 2011 im Ophüls-Wettbewerb gelaufenen, unvergesslichen Films „Michael“ – ihn als eine Art Spiritus rector vor einigen Jahren dazu motiviert habe, sich an seinen ersten Langfilm zu wagen. Sechs Jahre liegen zwischen der 2012 während Schmidingers Studienjahr an der University of California in L. A. entstandenen, ersten  Drehbuchfassung und dem fertigen Film. Es sei ein gutes Gefühl, sein Kind nun in die Welt zu entlassen, sagt er. Nachdem er es seit Sommer ’18 im Endschnitt, bei der Produktionsabnahme und bei Test-Screenings wohl an die 30 Mal begutachtet (und als flügge geworden befunden) hat.

In einem „Akt kreativer Zerstörung“ habe er, erzählt der 33-jährige Österreicher, seine ursprünglich klassisch angelegte schwule Coming-of-Age-Geschichte nach seinem Jahr in L.A. wieder einkassiert und nur ihre Grundmotive weiterverfolgt. Dass „Nevrland“ nun wie aus einem Guss wirkt, dürfte mit der harten Drehbuchschule zu tun haben, durch die Schmidinger über die Jahre ging. Sympathisch, dass er, anstatt beim Abspulen der Entstehungsgenese des Films allürenhaft seine Vita zu frisieren, nicht ausblendet, die eigentliche, dreijährige Drehbuchausbildung in den Staaten (nach einem dem vorangegangenen soliden Salzburger Filmingenieur-Studium unter dem Titel „Digitales Fernsehen“) von Österreich aus absolviert zu haben. Als Online-Studium, für das er einmal pro Woche nachts um drei Uhr Skype-Calls mit seinen US-Dozenten führen musste. Die „Vorlesungen“ ließen sich herunterladen. Alle zwölf Wochen aber war ein Drehbuchentwurf für einen 90-Minüter abzuliefern. Ein Wahnsinn, eigentlich. Immer auf das amerikanische „know your audience“ geeicht: die Sensibilisierung für die Publikumsperspektive. Als dann Ulrich Gehmacher als  „Nevrland“-Produzent ins Spiel kam und ihm freie Hand ließ, reifte die Plotidee – Angst und Sexualität als zwei Triebfedern des Lebens zu thematisieren – zuhause in Wien in ihm weiter. „Die Zusage von Josef Hader“, der Jakobs empathielosen Vater spielt, „war dann das As, in der Projektförderung Hürden zu überwinden“, sagt er. Am Ende hatten sie ein Budget von 1,35 Millionen Euro zusammen. Für 30 Drehtage, die dank Schmidingers dramaturgisch minutiös ausgetüfeltem Drehbuch „glatt über die Bühne gegangen“ seien. Zuvor habe er, so Schmidinger, einem Rat Schleinzers folgend, noch eine sechswöchige Regie-Hospitanz am Wiener „Theater der Jugend“ absolviert. Um zu lernen, wie man Schauspieler führt „und dass man als Regisseur nicht alles wissen muss“.



Wenn Schmidinger über die Motiv­ebenen seines Films redet, hangelt er sich ohne gespreizt klingende Mühe von Freuds Traumdeutung (das „Unterwassermotiv“ zu Beginn) zur griechischen Mythologie (die Szene in Wiens Kunsthistorischem Museum, in der Jakob und Krystian eine Dionysos-Skulptur betrachten). Und kommt von der „katalytischen Wirkung, die das Internet für meine Generation als Kontaktbörse“ hatte, auf halluzinogene Drogen zu sprechen. Das im Film Jakobs transpersonelle Reise ankurbelnde DMT sei eigentlich ein „schamanisches Werkzeug indigener Völker“. Das Kunststück von Schmidingers Debüt ist es, diese Verweis-Ebenen nicht auszuspielen, sondern harte Schnitte zu setzen, mit Überblendungen, Unschärfen, radikalen Bildern (Zersägen von Schweinen, Cam-Chat-Fetzen, Albtraum-Sequenzen, Rückenmark-Punktion und Spiegelbild-Zertrümmerung) sowie treibenden Techno-Rhythmen zu arbeiten und eher minimalistisch auf die Sogkraft der Szenen zu vertrauen. Der dramaturgische Überbau aus Tiefenpsychologie, Errettungsphantasien und Identitätskonflikten wird nicht überstrapaziert. Im Gegenteil: Er geht ganz in der Figurenzeichnung auf.

Wie Jakob, seine Hauptfigur, habe er früher selbst unter Angststörungen gelitten, erzählt Schmidinger. Jakob betrachte seinen Körper und seine (ihn eigentlich beschützende) Angst anfangs als Feind und Krystian als eine „larger-than-life-Figur“, die man daher auch als spiegelbildliche Projektionsfigur, „als Jakobs Negativ-Abdruck“ und Mentor deuten könne. Er habe entsprechende Hinweise darauf im Film gesetzt, so der Regisseur: etwa, indem Krystian anfangs immer nur auf Projektionsflächen erscheine (Bildschirm, Fenster, Spiegel). Gefragt, ob er Kino-Vorbilder habe, nennt Schmidinger Michael Hanekes „Klavierspielerin“, Ingmar Bergmans „Persona“, Kubricks „Eyes White Shut“ und David Finchers „Fight Club“. Anklänge an die szenische Präzision, psychologische Meisterschaft und symbolhafte Raumgestaltung dieser Filme lassen sich in „Nevrland“ durchaus ausmachen. Schmidingers Debüt selbst endet in einer Befreiung – nachdem Jakob dem beschädigten Kind, das er war, wiederbegegnet und sich in einer großen Bildmetapher mit ihm verbündet.

Mitte März hat „Nevrland“ beim Diagonale-Filmfestival seine Österreich-Premiere. Im Publikum werden dann auch Schmidingers Eltern sitzen. Und der Vater, ein Fleischhauer, auch die Schlachthofszenen darin sehen. Sein Sohn sagt, weil er den Vater manchmal dorthin begleitet habe, „hatte ich als Kind wohl schon eine Nähe zum Tod“. Vielleicht feiert sein Film auch deshalb Lebendigkeit.

Letzte Termine: Samstag um 22 Uhr im CS 5; Sonntag um 17.15 Uhr im CS 3.