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Zum 100. Geburtstag des Filmmoguls Artur Brauner
Filme drehen gegen das Vergessen

Prägend für das deutsche Kino: Filmproduzent Artur „Atze“ Brauner im Jahr 2008.
Prägend für das deutsche Kino: Filmproduzent Artur „Atze“ Brauner im Jahr 2008. FOTO: dpa / Soeren Stache
berlin. Artur Brauner überlebte den Holocaust mit knapper Not. Er avancierte zu Deutschlands einzigem Filmmogul. Heute wird er 100 Jahre alt.

Er war der Klein-aber-oho-Mann! Wo Artur Brauner auftrat, wurde das oft zum Spektakel. Der Mann mit den riesigen abstehenden Ohren, drahthaarigen Brauen und dem sorgsam gestutzten Menjou-Bärtchen war lustig, streitlustig, amüsant. Als „Atze“ – den Namen hatte ihm sein Freund Curd Jürgens verpasst – aber auch schillernd. Ein berüchtigter Partylöwe, der seine Gäste auf Tischen tanzen ließ, bei pompösen Filmpremieren im Berliner Zoo Palast über den roten Teppich lief. Auffällig war aber auch, dass, wenn er einen begrüßte, der Handschlag jedes Mal sehr weich ausfiel. War das Sanftmut? Oder ging er vorsichtshalber zu jedem Deutschen, dessen Gesinnung er nicht kannte, auf Distanz?

Seit 2017 Artur Brauners Frau Maria nach 71 Jahre an seiner Seite im Alter von 90 Jahren starb, hat sich der Filmproduzent zurückgezogen. Sie war die starke Frau hinter dem Tycoon, fröhlich, mitteilsam, lebensklug in ihren Aussagen und mit Einfluss auf ihren Ehemann. Der sackte in eine profunde Leere. „Sie hat mich jeden Moment meines Lebens glücklich gemacht“, sagte er über die Verstorbene. Deshalb gibt es heute in der noblen Villa Brauner im Grunewald keine Feier. Am 8. September soll zu Brauners Ehren im Berliner Zoo Palast eine Gala stattfinden. Seine Tochter Alice Brauner, 52, sagt: „Mein Vater hat gute und schlechte Momente, aber er ist geistig völlig klar und streitet noch immer gern mit mir.“ Da geht es um sein Erbe, die „Central Cinema Compagnie“. Inzwischen hat Alice Brauner als Geschäftsführerin der  CCC das Sagen auf dem Studiogelände.

Der Jubilar wurde 1918 im polnischen Lódz als Sohn eines jüdischen Holzhändlers geboren. Als die besessene Judenhatz der Nazis begann, wurden 49 seiner Verwandten ermordet. Er selbst hatte sich im damaligen Grenzgebiet zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion versteckt, bei Partisanen in der Nähe des Flusses San.



Über sein Durchkommen in der Nazi-Zeit gab Artur Brauner nie viel preis. Er war 1946 in die Stadt der Mörder gekommen, Berlin. Er hatte einen Pappkarton, eine Idee, womöglich schon einen Plan – und ein Gelübde. Das hatte er sich selbst auferlegt. Im Sommer 1945 nahe der Autobahn von Lemberg nach Kiew. Ein Bauer nahm ihn auf seinem Strohwagen mit. Der Feldweg führte am Wald entlang, plötzlich stoppte der Bauer sein Pferd. Hier dürfe man nicht hin, etwas Schlimmes sei passiert. Brauner sprang vom Wagen und lief über einen von Autoreifen ausgefahrenen Weg. Die SS hatte in dem Wald kurz vor Kriegsende Hunderte Juden erschossen. Danach flüchtete sie überhastet, das Massengrab wurde nicht mit Erde überdeckt. Auf der Spitze des Leichenberges lag ein Junge, etwa zwölf Jahre. „Er schaute mich mit offenen Augen an“, hat Brauner erzählt. „Ich hatte das Gefühl, dass er mir sagte: ‚Du sollst uns nicht vergessen.’“ Brauners Erschütterung wirkte lebenslang nach, sein Gelübde vergaß er nie: „Du musst alles, was möglich ist, unternehmen, um den Opfern des Nationalsozialismus ein Denkmal zu setzen.“

In 75 Jahren hat Artur Brauner insgesamt 315 Produktionen realisiert. Dass sein Herzensprojekt, die Verfilmung von Oskar Schindlers Leben, der über 1000 Juden rettete, scheiterte und schließlich von Steven Spielberg vollendet wurde. grämt ihn noch heute. „Ich habe alles auserzählt“, sagt er. Er fühle sich in den Ruhestand versetzt. Aber wenn ihm heute noch eine gute Idee käme, würde er morgen versuchen, sie umzusetzen. „Sobald ich nicht mehr bin, kann ich aufhören.“