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„Musik im Künstlerhaus“
Feilen, schaben, schmirgeln

Saarbrücken. Es war ein denkwürdiges Konzert mit Urs Leimgruber und Andreas Willers. Von Kerstin Krämer

Ein Improvisationskonzert der Extraklasse erlebten die erfreulich zahlreichen Hörer am Donnerstag bei der letzten „Musik im Künstlerhaus“ vor der Sommerpause. Das Duo Urs Leimgruber (Saxofon) und Andreas Willers (E-Gitarre) imaginierte in einer einzigen langen Exkursion einen Klangkosmos, der den Duo-Rahmen weidlich sprengte – intuitiv, virtuos, sensibel und mit einer geradezu kindlichen Lust am Experiment und Auskosten von Extremen. Dabei griff jeder die Impulse des anderen blitzschnell auf, indem er sie entweder verstärkte oder komplementär dagegen anging. So entstand eine spannungsgeladene Fieberkurve, die von extrem konzentrierten ruhigen Momenten bis zu hektischem Gewusel und dominantem Spiel nahe der Tinnitus-Grenze reichte – und das bar jeder berechenbaren Beliebigkeit und Redundanz.

Rein akustisch agierte der Schweizer Urs Leimgruber. Er entlockte Sopran- und Tenorsaxofon ein Spektrum von tonlosen Blas- oder Schmatzgeräuschen über perkussive Sounds bis zu tierischen Lauten. Da fiepte, trötete, wimmerte und quäkte es; mal glaubte man, Esel schreien zu hören, dann wieder röhrte ein Hirsch, erklang das brünftige Muhen einer Kuh oder schien eine dressierte Robbe um Beifall zu heischen. Mit Dämpfern im Trichter zauberte Leimgruber ein brummendes Säuseln wie von Fliegen oder brodelnd verröchelnde Sounds, um dann mit Zirkulär-Atmung ohne Mundstück zu spielen oder nur auf dem S-Bogen zu flöten.

Der Berliner Andreas Willers hatte eine Armada von Effektgeräten zu Füßen und war fast pausenlos damit beschäftigt, Knöpfe zu drücken oder zu drehen und auf Pedale zu treten. Er ließ Klangteppiche ins Unheilvolle wachsen, ließ es wabern, wummern und rauschen, setzte angezerrte Rocksounds gegen zierliche Echolot-Reflexionen und bauchiges Blubbern gegen feine metallische Flageoletts. Stakkatives Hämmern wechselte mit Maschinenlärm, basslastige Verfremdungen mit pulsierendem Stottern und abrupten Zuckungen.



Zur weiteren Manipulation klipste Willers Metallklammern in die Saiten; überhaupt traktierten beide Musiker ihre Instrumente mit allerlei „Werkzeug“ – ein einziges Klopfen, Feilen, Gurgeln, Schaben und Schmirgeln. Und gelegentlich blitzte in diesem Kaleidoskop aus Geräusch und Klang tatsächlich so etwas wie konventionelles Musizieren auf – Gelegenheit für Leimgruber, seine unerhört tragende Saxofonstimme auszuspielen. Zugabe!