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Literaturtage im Saarland
„Es geht schließlich um Mord!“

Toben, schreien, spotten: Poetry-Slammer Jey Jey Glünderling legte in Völklingen einen denkwürdigen Auftritt hin.
Toben, schreien, spotten: Poetry-Slammer Jey Jey Glünderling legte in Völklingen einen denkwürdigen Auftritt hin. FOTO: Kerstin Krämer
Völklingen. Die „Literaturtage im Saarland“ haben begonnen: mit einer Lesung von Bestseller-Autor Sebastian Fitzek und mit viel Security-Gedöns am Samstag beim Einlass ins Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Von Kerstin Krämer

Ein 14-Tage-Rennen der Literatur mit Lesungen, Poetry Slams, Diskussionen und Workshops und dem erklärten Ziel, Begeisterung fürs Lesen zu schüren – eine tolle Sache. Warum aber beginnt ein – Dank des gemischten Programms und moderater Eintrittspreise – volksnahes Festival, das sich so einladend wie selbstbewusst „erLESEN!“ nennt, mit einem Sicherheits-Check, als sei Donald Trump auf Staatsbesuch? Am Samstag wurden vorm Einlass in die Erzhalle des Weltkulturerbes Völklinger Hütte Handtaschen gefilzt und Körperscanner gezückt; für Deo-, Haarspray- und sonstige Druckluftdosen hieß es „Wir müssen leider draußen bleiben“.

Weshalb? Wegen des Ministers, wurde hinter vorgehaltener Hand gemunkelt. Dabei kennt Kultusminister Ulrich Commerçon bekanntlich wenig Berührungsängste und mischte sich auch hier gewohnt leutselig unters Volk. Der Hausherr, Weltkulturerbe-Direktor Meinrad Maria Grewenig, guckte auf die Frage nach dem „Warum“ nur bedeutungsvoll und tat mysteriös. „Es geht schließlich um Mord!“, gab er mit geheimnisheischendem, fast schon vorwurfsvollem Augenaufschlag zurück. Alles ein PR-Gag also? Galt Grewenigs mörderische Anspielung doch dem Bestseller-Autor Sebastian Fitzek, der hier als „Deutschlands Krimikönig“ inthronisiert wurde und seinen neuen Thriller „Flugangst 7A“ vorstellte.

Ja, die ersten „Literaturtage im Saarland“ (bis 22. April), organisiert von regionalen Buchhandlungen und dem Landesverband Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, trumpfen auch mit Stars auf und lockten gleich zum Auftakt die Massen. Und obwohl das rigide Entrée durchaus auch vergrätzte Reaktionen provoziert hatte, herrschte drinnen beste Stimmung. Das mochte zum einen am Begrüßungssekt liegen. An den vielen Bücherständen zum Stöbern. An signierfreudigen Schriftstellern zum Anfassen. Oder an der liebenswerten Begeisterung aller Beteiligten, so der vor Rührung schier überfließenden Moderatorin Brigitte Gode, Sprecherin der Landesgruppe Saar des Börsenvereins, die Grewenig als „Homme de lettres“ umschwärmte.



Ganz sicher aber an Jey Jey Glünderling. Jey Jey wer? Der zornige junge Mann mit dem sperrigen Künstlernamen ist vielleicht nicht so illuster wie Fitzek, zählt aber immerhin zu den beliebtesten Poetry Slammern Deutschlands und machte hier auch gleich klar, weshalb. „Man lese die Texte am besten so, wie er sie vorliest: mit weit aufgerissenen Augen, hohem Blutdruck und viel Freude an der blanken Wut“, lautet bezeichnenderweise die Lektüreempfehlung zu Glünderlings Buch „Traumberuf Marktschreier“. Darin versammelt: Kurzprosa, bei der Glünderling dahin geht, wo es weh tut; wo der deutsche Spießer sich mit „Mon Chéri“ und Gesundheitsschuhen in seiner bedeutungslosen Piefigkeit eingenistet hat. Mit wollüstigem Zynismus, hemmungslosen Übertreibungen und schonungslosem Blick fürs Detail seziert Glünderling die modischen und maroden Marotten seiner Umwelt. Er gestikuliert und schreit sich in Rage; bleibt dabei – typisch Slammer – mit der Stimme am Satzende oft oben und entfacht so einen fortwährenden Redesog, der von einer Assoziation zur nächsten treibt.

Da reißt einer im wahrsten Sinne des Wortes das Maul auf und ist dabei umwerfend komisch, auch weil sein Sarkasmus vor ihm selbst nicht Halt macht. Trotz deftiger Ausdrücke konnte Glünderling bei allen Altersschichten punkten. Und als er dann noch aus Stichwörtern auf Zuruf einen virtuos gereimten Spontan-Rap improvisierte, war das Publikum im siebten Poetry-Himmel.

In dieser Höhenlage blieb es auch, nahm nun aber fiktiv in einem Langstreckenflugzeug Platz, um von Fitzek mit ruhiger und sonorer Stimme in Suspense-Trance gelullt zu werden. Wer vorher befürchtet hatte, Glünderling tue sich schwer, gegen Deutschlands Thriller-Autor Nummer 1 anzutreten, der irrte – nun war Fitzek es, der sich strecken musste und das sympathischerweise auch einräumte: „Jey Jey war kein Vorprogramm, er war eher der Hauptact.“ Aber ein Unterhaltungsroutinier wie Fitzek hat genügend Tricks auf Lager, sich zu behaupten. So setzt er auf Hintergrundprojektion, bisweilen alberne Einspielfilmchen und kokettiert mit seinem biederen Aussehen. Vor allem aber plaudert er so viel aus seinem Privatleben, dass er im Handumdrehen eine Atmosphäre intimer Vertrautheit schafft – der Fitzek, ein Promi wie Du und ich.

Sebastian Fitzek stellte seinen neuen Thriller „Flugangst 7A“ vor.
Sebastian Fitzek stellte seinen neuen Thriller „Flugangst 7A“ vor. FOTO: Kerstin Krämer