| 22:12 Uhr

Zur MeToo-Debatte
„Es geht nicht um Sex, sondern um Macht“

Journalistin und „Emma“-Herausgeberin: Alice Schwarzer.
Journalistin und „Emma“-Herausgeberin: Alice Schwarzer. FOTO: Henning Kaiser / dpa
Köln. Deutschlands bekannteste Feministin spricht über Aufklärung, das Kopftuch und die derzeitige #MeToo-Debatte. Von Lothar Schröder

Seit Jahrzehnten pflegt Alice Schwarzer engen Kontakt zu einer Familie in Algerien – und hat dabei auch ein Leben zwischen Tradition und Moderne kennengelernt. Ein Gespräch mit Deutschlands bekanntester Feministin über Aufklärung, das Kopftuch und die #MeToo-Debatte.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Ihren algerischen Freunden beschreiben? Ist es wirklich eine Art Familie?

SCHWARZER Unter Familie verstehen wir ja nicht mehr nur eine „Blutsfamilie“, sondern Menschen, die emotional verbunden sind und füreinander Verantwortung übernehmen. In diesem Sinne also: Ja, sie sind meine Familie. Doch der Titel des Buches „Meine algerische Famiie“ ist eher dem Zugriff der Reporterin geschuldet. In den drei Generationen dieser Familie spiegeln sich 70 Jahre Algeriens. Diese Geschichte wollte ich erzählen.



Einer Familie, so sagt man, kann man alles sagen. Konnten Sie das auch Ihren algerischen Freunden?

SCHWARZER Selbstverständlich. Aber es wäre arrogant, wenn ich meine hier gewohnten Maßstäbe auch auf diese Familie anwenden würde. Wir haben 200 Jahre auf dem Weg zur Demokratie gebraucht und 50 Jahre der Frauenbewegung bis hin zu MeToo. Algerien hat sich erst 1962 aus der Kolonialherrschaft befreit, danach galt es weltweit als „das Mekka der Revolutionäre“. Aber Fragen etwa zu Sexualität und Liebe formuliere ich natürlich in Algerien behutsamer.

Sie erlebten auch Grenzbereiche, etwa mit der Trennung eines jungen Ehepaares, die eine Erosion von Wertvorstellungen erkennen lässt.

SCHWARZER Sie meinen die Geschichte von Ghanou, den ich gut kenne und auf dessen Hochzeit ich gewesen bin. Ghanou ist sehr fromm und sagte früher, vor zwölf Jahren, als wir uns kennenlernten, in jedem zweiten Satz: „Alice, der Prophet hat gesagt.“ Er ist ein frommer, aber moderner und auch lebenslustiger Mann; sie aber hat kein Interesse am Glauben und ist stolz auf ihre 100 Paar Schuhe. Das konnte nicht gutgehen. Warum hat er das nicht von Anfang an gesehen? So ein frommer junger Mann in Algerien hat eben kaum Erfahrung mit Frauen und Sexualität, weil vor der Ehe das enge Verhältnis zu einer Frau haram ist. Und dann kommt die erste Nette, und darauf fällt er dann rein.

Braucht der Islam demnach auch eine sexuelle Revolution?

SCHWARZER Absolut. Und eine feministische dazu! Es gibt seit ein paar Jahren erste Autorinnen etwa in Ägypten oder Musliminnen im europäischen Exil, die darüber schreiben.

Haben Sie durch Ihre Erfahrungen ein differenzierteres Verhältnis zum Kopftuch bekommen?

SCHWARZER Ich bin ja gar nicht für ein generelles Kopftuchverbot, sondern nur für ein striktes Verbot in Schulen und im öffentlichen Dienst. Das war früher in heute radikalisierten muslimischen Ländern wie der Türkei ebenfalls eine Selbstverständlichkeit. Ich bin also für die Trennung von Staat und Religion, wie auch Millionen Muslime. Wissen Sie, in den 60ern und 70ern hatten wir bei uns auch schon über eine Million Türken; da trugen die Frauen kaum Kopftücher. Das islamische Kopftuch ist erst mit der Revolution von Khomeini 1979 im Iran gekommen – ein Tuch, das jedes Härchen als „sündig“ abdeckt und den Körper der Frauen unter einem weiten Sack verschwinden lässt. Der Schleier ist so zum politischen Symbol der Islamisten geworden. Diese Kopftuch-Propaganda kritisiere ich, vor allem in westlichen Demokratien.

Wie wichtig ist dabei die #MeToo-Debatte? Zeigt die Diskussion auch, dass wir lange Zeit vielleicht zu zufrieden auf die Erfolge der Gleichberechtigung geschaut haben?

SCHWARZER Ich nicht! Darum hat mich die #MeToo-Debatte auch nicht überrascht. Schon 1975 sind in den USA erste Schriften gegen die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erschienen. Schon damals ging es dabei nicht um Sex, sondern um Macht – um die Einschüchterung von Frauen. 1982 gab es in Deutschland eine erste Debatte darüber. So alt also ist das! So lange braucht es.

Können Sie sagen, welche Frau davon besonders betroffen ist?

SCHWARZER Es trifft vor allem zwei Sorten von Frauen: die, die anfangen, in sogenannte Männerberufe hineinzugehen und als Konkurrentinnen eingeschüchtert werden sollen. Dafür ist die sexuelle Belästigung eine ideale Waffe: sie ist beschämend für die Opfer und degradiert die Frauen auf den Status eines Objekts. Und es trifft Frauen in den Lächel-Berufen. Berufe, in denen es zum Berufsbild gehört, zur Verfügung zu stehen: wie Schauspielerinnen, Verkäuferinnen, Stewardessen. Und es ist immer eine Frage der Machtverhältnisse, auch der Mann/Frau-Konstellation. Oder haben Sie schon einmal gehört, dass ein Schauspieler von einer Regisseurin belästigt worden wäre? Ich kann die Geschlechterverhältnisse nicht einfach umdrehen, kann einen Mann durch eine sexuelle Anmache weder einschüchtern noch erniedrigen.

Wie weit ist Algerien von einer #MeToo-Debatte entfernt?

SCHWARZER Die brauchen noch ein paar Jahrzehnte.

DIE FRAGEN STELLTE Lothar Schröder