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Festival im Weltkulturerbe
Aus für „Electro Magnetic“-Festival 2020

 Volle Hütte: „Electro Magnetic“ im Juli 2018.
Volle Hütte: „Electro Magnetic“ im Juli 2018. FOTO: BeckerBredel
Völklingen. Festivalmacher Thilo Ziegler sagt das Top-Event im Völklinger Weltkulturerbe für 2020 ab – die Branche sei „wahnsinnig“, die Kosten seien explodiert. Von Cathrin Elss-Seringhaus

Üblicherweise nehmen Festival- und Konzert-Veranstalter gerne das Weihnachtsgeschäft mit. Auch für Veranstaltungen des saarländischen Eventveranstalters Thilo Ziegler gilt das, etwa für das Rocco del Schlacko oder das Völklinger „Electro Magnetic“ Festival. Dessen achte Ausgabe wurde im Dezember 2018 beworben, nur im  vergangenen Jahr lief kein Vorverkauf an. Bis heute lassen sich keine Tickets buchen, und wer im Saarbrücker Büro von „4 plus 1 Konzerte“ anrief, der Firma des „Electro Magnetic“-Erfinders  Ziegler, erhielt bis dato die Auskunft, man wisse nicht, „ob und wenn, wann“ das Festival stattfinde. Das könne nur der Chef sagen.

Und der hat am Dienstag auf SZ-Nachfrage auf derzeit kursierende Gerüchte reagiert, die nächste Ausgabe von „Electro Magnetic“ falle flach. Ja, erklärte Ziegler, der sich derzeit in den USA befindet. Er habe zwar noch darum gekämpft, die diesjährige Ausgabe zu realisieren, doch er wolle das Festival nur stattfinden lassen, wenn er selbst voll hinter dem Programm stehe und denke, es werde „geil“: „Was Halbgares mache ich nicht.“ Später teilte er bei Facebook mit, dass es 2020 definitiv kein Festival geben werde.

Was ist passiert? Ziegler führt brancheninterne Gründe an. Geld ausländischer Fonds-Gesellschaften fluteten den Konzert- und Eventmarkt, sagt er. Das provoziere „wahnsinnige Gagenforderungen“, mit denen er sich „täglich“ für „Electro Magnetic“ herumschlagen müsse. Die Produktionskosten explodierten außerdem – und dies alles vor dem Hintergrund des demographischen Wandels. Sprich: Immer weniger junge Kunden sind überhaupt mobilisierbar. Dieses sich weiter verschärfende Szenario gelte bundesweit und international, erklärt Ziegler, der nach eigener Aussage keine öffentlichen Gelder für seine Projekte erhält.



Ziegler war also das unternehmerische Risiko zu hoch? Dies, obwohl er das Festival 2019 erstmals auf zwei Tage ausgeweitet hatte, und das Ganze mit 60 DJs und Live-Acts so fett wirkte wie noch nie. Rund 16 000 Besucher kamen. Das klingt prächtig, ist jedoch, auf zwei Tage gerechnet, eine schlechtere Bilanz als in den Vorjahren, da zog das Festival an nur einem Tag etwa die gleiche Zahl an. Ziegler kommentiert den ökonomischen Erfolg der Veranstaltung 2019 denn auch mit den Worten: „Ich hab’s überlebt.“ Spekulationen, die Interims-Geschäftsführung des Weltkulturerbes habe es ihm als Veranstalter für 2020 schwerer gemacht als in der Ära von Meinrad Maria Grewenig, habe Denkmalschutz- und Brandschutzauflagen verschärft oder gar die Miete erhöht, wies Ziegler zurück. Es gebe keinerlei Stress.

Aus kulturpolitischer Sicht allerdings schon. Denn für das Völklinger Weltkulturerbe, für das derzeit ein neuer Generaldirektor gesucht wird und dessen Programm auf Sparflamme läuft, ist Zieglers Rück­zug fraglos ein herber Schlag. Seit 2012 gehört „Electro Magnetic“ zur DNA der Alten Hütte, stand für dessen Weltoffenheit,  für Massenbegeisterung. Das Festival funktionierte als hervorragendes Instrument, um neue junge Zielgruppen zu erreichen, zudem als geniale Werbe-Plattform: Tausende  weit gereister Fans posteten Fotos gigantischer Licht-Shows in die Welt. Doch in der aktuellen Veranstaltungsvorschau auf der Homepage des Weltkulturerbes taucht „Electro Magnetic“ nicht mal mehr als Begriff auf.

Die Interims-Geschäftsführung erklärte auf SZ-Nachfrage, von Zieglers Konzert-Firma „4 plus 1“ sei  „mit dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte kein Vertrag für ‚Electro Magnetic’ 2020 geschlossen“ worden. Entscheidende Fragen blieben derweil unbeantwortet. Etwa: Wie man den Image-Schaden beurteilt, an welche Sommer-Ersatzveranstaltung gedacht werde, welcher finanzielle Schaden dem Weltkulturerbe entsteht. Ob sich dazu die Weltkulturerbe-Aufsichtsrats-Vorsitzende, Ministerin Christine Streichert-Clivot (SPD), äußert? Die sieht sich seit geraumer Zeit mit Vorwürfen konfrontiert, die Kulturlandschaft liege in Trümmern. Und jetzt das noch...

Ein Axthieb in das Kulturangebot des Saarlandes.  Aller Wahrscheinlichkeit nach entfällt ausgerechnet ein Festival, das sich passgenau in das kulturpolitische Konzept des SPD-geführten Kultusministeriums fügte, das urbane, großstädtische, hippe Projekte bevorzugt behandelt. Gerade auch aus dieser Sicht: Was für ein Debakel. Denn ob „Electro Magnetic“ 2021 oder überhaupt je wiederkehrt, das ließ Ziegler offen.