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Die Preisverleihung des Ophüls-Festivals
„Einfach anfangen — und weitermachen!“

Große Freude – Schauspielerin Loane Balthasar wurde mit dem Preis „Bester Schauspielnachwuchs Hauptrolle“ für ihre Darstellung in „Sarah spielt einen Werwolf“ von Katharina Wyss ausgezeichnet.
Große Freude – Schauspielerin Loane Balthasar wurde mit dem Preis „Bester Schauspielnachwuchs Hauptrolle“ für ihre Darstellung in „Sarah spielt einen Werwolf“ von Katharina Wyss ausgezeichnet. FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. „Landrauschen“ ist der große Gewinner des 39. Filmfestivals Max Ophüls Preis. Am Samstagabend wurden die Preise im Saarbrücker E-Werk vergeben.   Von Tobias Kessler

Was haben die herz­erweichende Tragikomik von „Reise nach Jerusalem“, die mutige Bildgewalt von „Hagazussa“, die Hintergründigkeit von „Gutland“ und die   schmerzhafte Ehe-Sezierung in „Vakuum“ gemeinsam? Sie blieben am Samstagabend im E-Werk bei der Preisverleihung des 39. Filmfestivals Max Ophüls komplett außen vor.

Stattdessen wurde die Preisverleihung zum Triumph für Lisa Millers Film „Landrauschen“, der den Hauptpreis, den Fritz-Raff-Drehbuchpreis von SR/ZDF und den Preis der Ökumenischen Jury gewann. Natürlich gönnt man einem Nachwuchsfilm nahezu jeden Preis, zumal wenn er, wie hier, ohne jede Förderung entstand. Aber „Landrauschen“ über ein schwäbisches Nest, in dem sich Kehrwochen-Spießer unter anderem gegen Homosexualität und die Integration von Flüchtlingen wehren, gehörte nicht zu den überzeugendsten Werken des insgesamt starken Spielfilmwettbewerbs. Beim Verkündigen seiner durchaus richtigen Botschaften von Toleranz und Vielfalt trägt er doch sehr dick auf. Regisseurin Lisa Miller freute sich über das Votum für ihren auch kirchenkritischen Film, nicht zuletzt über den Preis der Ökumenischen Jury; der zeige doch, „dass es Christen gibt, die über diesen Hirngespinsten stehen und für Toleranz plädieren“. Sie hoffe nun, sagte sie scherzhaft, dass ihre Botschaft nun auch „auf die CSU überschwappt“.

Drei Preise (einer davon für Darstellerin Anna Suk) gab es für den kraftvollen Film „Cops“, der von Männerbünden und Polizeigewalt erzählt, von einer Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln abseits des Gesetzes. Kein Film, der leicht zu finanzieren oder produzieren war, wie Produzent Arash T. Riahi erzählte, der 2017 mit „Die Migrantigen“ in Saarbrücken den Publikumspreis gewann. Mehrmals sei die Förderung abgelehnt worden, „aber Leidenschaft und kritisches Denken können gewinnen“. In Österreich sei die Polizei nun in der Hand „eines sehr rechten Innenministers. Ich verstehe diese Menschen nicht“, sagte Riahi, aber man werde sich nicht unterkriegen lassen.



Um Reaktionäre geht es auch im Dokumentarfilm „Germania“, der eine Münchner Burschenschaft porträtiert und dessen ungewöhnliche Musik (Matthias Lindermayr) ausgezeichnet wurde. Regisseur Lion Bischof gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass „wir alle – über alle Meinungsunterschiede hinweg – weiterhin miteinander reden“.

Verlass war wie immer auf die deutsch-französische Jugendjury, die das Kammerspiel „Draußen in meinem Kopf“ auszeichnete, die Freundschaftsgeschichte zwischen einem an Nervenlähmung Leidenden und seinem Pfleger. Der Bühnenlift im E-Werk war defekt, und so ging es mit dem Preis hinunter ins Parkett zum Team und zu dem gelähmten Darsteller Samuel Koch. Jurymitglied Maurice Kuntz protokollierte zudem, dass sich in 14 von 16 Wettbewerbsspielfilmen jemand erbrochen habe – das müsste ein Ophüls-Rekord sein. Juryarbeit hat eben manchmal ihre Tücken.

Lisa Brühlmann, Gewinnerin des Preises der saarländischen Ministerpräsidentin für „Blue my mind“, bedankte sich per Videoeinspieler, denn sie ist mit ihrer packenden Pubertätsgeschichte schon auf dem Weg zum nächsten Festival: Rotterdam. Den Preis nahm ihre famose Hauptdarstellerin Luna Wedler entgegen und lüftete das Geheimnis, was sie sich in einigen Szenen aus dem Aquarium greift und in den Mund stopft: keine, man ahnte es schon, realen Fische, sondern Imitationen „aus Gelatine – ohne Zucker“.

Was erfuhr man sonst auf der Bühne der Preisverleihung, bei der manche Szenenausschnitte mangels Auswahl mehrmals liefen? Etwa, dass der saarländische Kultur- und Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD) vor allem „zur Entspannung ins Kino“ geht und deshalb kaum Dokumentationen sieht, weil bei denen das Entspannen meist schwerer fällt als bei Spielfilmen. Aber bei denen „darf es schon anspruchsvoll sein“. Ehrengast Mario Adorf erzählte, er ordne sich Regisseuren künstlerisch immer sehr gerne unter, und gab einen so schlichten wie zeitlosen Rat an den Filmemacher-Nachwuchs: „Einfach anfangen – und weitermachen.“ Saarbrückens Oberbürgermeisterin Charlotte Britz (SPD) warb auf der Bühne noch einmal um neue Festival-Sponsoren. Saarbrücken sei nicht „die reichste Stadt Deutschlands“ – aber „100 000 Euro müssten doch nochmal machbar sein“. Das wäre schön, gerade zum 40. Jubiläum 2019.

Beide lässig: Ehrengast Mario Adorf (links) und Moderator Lutz Winde.
Beide lässig: Ehrengast Mario Adorf (links) und Moderator Lutz Winde. FOTO: Oliver Dietze
Lisa Miller, die „Landrauschen“ geschrieben, mit Laiendarstellern inszeniert und geschnitten hat.
Lisa Miller, die „Landrauschen“ geschrieben, mit Laiendarstellern inszeniert und geschnitten hat. FOTO: Oliver Dietze