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Buch zum Isenheimer Altar
Eine große Inspiration für viele Künstler

Von ergreifender Ausdrucksstärke: Die erste Schauseite des „Isenheimer Altars“ von Matthias Grünewald (1470-1528).
Von ergreifender Ausdrucksstärke: Die erste Schauseite des „Isenheimer Altars“ von Matthias Grünewald (1470-1528). FOTO: Ursula Rudischer/GDKE
colmar. Wolfgang Minaty sammelt und kommentiert in seinem kurzweiligen Buch „Grünewald im Dialog“ interessante Anmerkungen prominenter Besucher des berühmten „Isenheimer Altars“ in Colmar. Zu Wort kommen Maler, Literaten, Wissenschaftler, Politiker, Kunsthistoriker, Theologen. Von Esther Brenner

Kunsthistorische Abhandlungen können ziemlich langweilig sein. Selbst dann, wenn deren Verfasser mit ihrer Expertise durchaus beeindrucken. Wolfgang Minaty, freier Journalist und ehemaliger Feuilleton-Redakteur bei der „Welt“, hat sich deshalb erstens kurz gefasst in seinem schön bebilderten, kompakten Buch über den Maler Matthias Grünewald (168 Seiten). Und zweitens hat er ein Format gefunden, bei dem er als Autor in seinem unverkennbar witzig-ironischen Ton in Dialog tritt mit den Stimmen berühmter Menschen aus vielen Jahrhunderten, die Grünewalds Isenheimer Altar kommentieren. Dieses Meisterwerk der Renaissance entstand zwischen 1512 und 1516 und ist seit 2015 wieder im restaurierten Unterlinden-Museum im elsässischen Colmar zu sehen. Der Wandelaltar mit seinen drei Schauseiten, die Geburt, Passion und Auferstehung Christi zeigen, war immer wieder vor Kriegen in Sicherheit gebracht worden, von 1917 bis 1919 stand er beispielsweise in der Alten Pinakothek in München.

„Ich will lesbar sein“, sagt der Autor, der seine Begeisterung für Grünewald mit den in seinem Buch erwähnten Kommentatoren teilt. Er sei „quer durch die Genres auf die Suche nach Zitaten“ zu dem berühmten Maler gegangen. Und so erfahren die Leser viel über die Rezeptionsgeschichte der Altarbilder, deren Urheberschaft bis ins 19. Jahrhundert Albrecht Dürer zugeschrieben worden war – bis klar war, dass der Altar von Matthias Grünewald stammt. „Ein Star war geboren“, schreibt Minaty und zählt viele prominente Besucher auf, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts nach Colmar pilgerten.

Einige wie der Dramatiker Gerhart Hauptmann fanden den brutal realistisch gemalten gemarterten Jesus am Kreuz „widerwärtig“ (1916). Paul Klee zeigte sich „furchtbar erschreckt“ (1906). Meist aber waren die Besucher bewegt, begeistert, fasziniert. „Das ist das ‚modernste’ Bild, das ich je gesehen habe“, schrieb etwa der Schriftsteller Thomas Wolfe (1935). Über die Kreuzigungsgruppe meinte Picasso (1964): „Ich liebe dieses Bild und habe versucht, es zu interpretieren... Aber so wie ich anfange zu zeichnen, wird etwas ganz anderes daraus.“ Der Maler Francis Bacon fragte: „Kann man den Isenheimer Altar ein Kunstwerk des Schreckens nennen?“ – und befand, dass es eines der größten Gemälde der Kreuzigung sei.



Viele Maler haben sich von Grünewalds Altar inspirieren lassen: Otto Dix, Max Beckmann, Arnulf Rainer und Dali, Willi Sitte und Bernard Schultze, Jasper Johns und Graham Sutherland. Minaty lässt sie alle zu Wort kommen, zeigt einige ausgewählte Beispiele moderner von Grünewald inspirierter Malerei. Die Zitate sind in blau gedruckt, vom Autor kommentiert und in erklärende Zusammenhänge gestellt. Die kleinen Anekdoten und kulturgeschichtlichen Einordnungen über die Besucher machen das Buch zur kurzweiligen Lektüre.

Auch Musiker, zum Beispiel Olivier Messiaen, kommen zu Wort. Außerdem Theologen (zum Beispiel Josef Ratzinger, Hans Küng) und Philosophen (Walter Benjamin), sogar Kabarettisten wie Hanns Dieter Hüsch. Auf eine nennenswerte Anzahl weiblicher Urteile muss man – wie so oft mangels Quellen – leider verzichten. Am prominentesten ist da sicherlich noch die Kommunistin Clara Zetkin, die den leidenden Heiland mit Lenins Erschütterung über die Opfer der Russischen Revolution verglich (1924). Ein überaus schräger Vergleich.

Sehr erhellend auch, dass Wolfgang Minaty sich Details der Schauseiten des Altars vornimmt: Die blutigen Füße des Gekreuzigten, die schmerzhaft verkrampften Hände, der Zeigefinger von Johannes dem Täufer oder das Salbgefäß der Maria Magdalena unterzieht er – mithilfe seiner prominenten Kommentatoren – intensiver Betrachtungen. Dabei kommen auch Kunsthistoriker zu Wort, die die nötige Expertise beisteuern. Nicht zuletzt hat der Autor eine stattliche Bibliographie zusammengestellt.

Wolfgang Minatys Buch regt dazu, das Original kennenzulernen, den echten Altar. Man möchte sofort nach Colmar fahren und ihn selbst in Augenschein nehmen im Museum Unterlinden. Die Auseinandersetzung mit Grünewalds Werk geht weiter. Noch ist bestimmt nicht alles gesagt.

Wolfgang Minaty: Grünewald im Dialog. 500 Jahre Isenheimer Altar in Kunst, Literatur und Musik. Schnell & Steiner, 168 Seiten, 29,90 Euro.

Die Füße des gekreuzigten
Die Füße des gekreuzigten FOTO: Repro aus Alan Fern u. Judith O'Sullivan: The Complete Prints of Leonard Baskin (New York/Boston 1984), Nr. 428 / Repro aus Alan Fern u. Judith O'Sullivan:The Complete Prints of Leonard Baskin (New York/Boston 1984), Nr. 428
„Die Hand des Gekreuzigten“ von Renato Guttuso (1965).
„Die Hand des Gekreuzigten“ von Renato Guttuso (1965). FOTO: VG Bild-Kunst