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Open Air am Bostalsee
Eine „ganz normale“ Drei-Stunden-Power-Show

Kein bisschen altersmüde: Tote-Hosen-Sänger Campino – hier beim ersten der beiden Auftritte am Bostalsee – sah man seine 56 Jahre kaum an.
Kein bisschen altersmüde: Tote-Hosen-Sänger Campino – hier beim ersten der beiden Auftritte am Bostalsee – sah man seine 56 Jahre kaum an. FOTO: Eric Kolling
Bosen. Die Toten Hosen füllten die Arena am Bostalsee am Freitag und Samstag jeweils mit rund 25 000 Fans. Alterserscheinungen zeigt insbesondere Frontmann Campino in keiner Weise. Es wurde sehr politisch. Von Eric Kolling

Diese Band scheint einfach nicht zu altern. Im Gegenteil. Davon wie der 56-jährige Tote-Hosen-Sänger Campino über die Bühne springt, von rechts nach links spurtet und mit dem Mikroständer wedelt, kann sich manch jüngerer Kollege eine Scheibe abschneiden. Auch viele Lieder altern nicht, im Gegenteil. Wenn er und seine Kollegen am Freitag am Bostalsee etwa „Willkommen in Deutschland“ anstimmen – ein Aufruf gegen Fremdenhass –, wirkt es angesichts der jüngsten Ereignisse in Chemnitz wie frisch geschrieben. Doch es ist 27 Jahre alt, erläutert Campino. Da kommt man ins Grübeln.

Beim fulminanten Bostalsee-Auftritt der Hosen, ein erneuter mit zwei ausverkauften Konzerten zu je etwa 25 000 Fans nach 2013, gab es daher jede Menge Kritik an solchen Umtrieben, die lautstark bejubelt wurde. In Richtung des derzeit wegen seiner Äußerungen in der Causa Chemnitz kritisierten Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen warf Campino die Frage auf, wann dieser endlich für die AfD kandidieren wolle. Vom „Aufstehen“ und „Widerstand leisten“ sprach Campino, stimmte später „Die Moorsoldaten“ an, ein 1933 von KZ-Häftlingen verfasstes Protest- und Durchhaltelied. „Gemeinsam gegen Rassismus“ flimmerte als Schriftzug einer Kampagne schon zwischen der Show der Vorgruppe Beatsteaks und dem Hauptact über die Monitore. Zuvor hatten sich schon die umstrittenen Mecklenburger Linkspunker „Feine Sahne Fischfilet“ deutlich gegen Rechtsextreme positioniert, wie vor knapp zwei Wochen beim Chemnitzer Konzert „Wir sind mehr“, als sie auch mit den Toten Hosen auftraten.

Doch außer dass der Protest gegen Rechts besonders betont wurde, war der erste der beiden Saarland-Auftritte ein „ganz normales“ Hosen-Konzert. Also weit über dem, was andere Bands bieten. Wer außer den Düsseldorfern spielt live denn an die 40 Lieder und nimmt sich dafür fast drei Stunden Zeit? Zu Gehör kam eine krachende Mixtur aus Hits der 36-jährigen Bandhistorie. Mit „Alles aus Liebe“, „Bonnie & Clyde“, „Steh auf, wenn du am Boden bist“ oder „Hier kommt Alex“, dazu jede Menge jüngeres von „Wannsee“ über „Unter den Wolken“, „Alles passiert“ bis zu „Laune der Natur“, dem aktuellen Tourmotto.



Weil die Düsseldorfer Punkrocker gleich an zwei Tagen am Bostalsee spielten und bei einer Campino-Umfrage während des Konzerts rund die Hälfte der Fans signalisierte, auch am zweiten Tag dabei zu sein, streute die Band verstärkt Raritäten ein. Etwa „Das Altbierlied“, „All die ganzen Jahre“, „Achterbahn“ oder „Freunde“. Jede Menge Zuckerl für die Fans, auch wer die Stücke nicht kannte, kam auf seine Kosten. Immer wieder setzte die Band dabei Kontrapunkte zu härterem Rock, bei dem sich Campino die Seele aus dem Leib schrie. Etwa mit dem seinem Vater gewidmeten nachdenklichen „Draußen vor der Tür“. Oder mit einem Cover von AC/DCs „TNT“, das das „Michael-Gorbatschow-Gedächtnis-Quartett“ mit Streichern veredelte.

Man muss die Toten Hosen aber auch wegen ihrer Fannähe einfach mögen. Wenn Campino in einer der vielen Zugaben ein Mädchen auf die Bühne bittet, um mit ihr symbolisch den letzten Schluck Weinschorle des Abends zu trinken. Oder wenn er erzählt, wie er am Vormittag beim Begehen des Geländes mit einem hiesigen Feuerwehrmann und riesigen Band-Fan ins Plaudern gekommen war. Schon 1989 habe er ein Hosen-Konzert im St.Wendeler Saalbau miterlebt. Ihm widmet er das Lied „Das ist der Moment“. Ortskenntnis muss der Sänger auch nicht heucheln, dafür hat er über die Dekaden oft genug im Saarland Station gemacht. So plaudert er über einen Auftritt in der Rohrbacher Kneipe „Tote Hose“: „Dort haben wir mit den Kids vorher Fußball gespielt.“

Wenn er aufwacht, fühle er sich wie 84, mittags dann schon wie 56 und abends beim Konzert wie ein Halbstarker, moderiert Campino das Stück „Halbstark“ an. Ein Satz, der viel aussagt über einen Musiker, der dieses Jahr auch schon einen Hörsturz hatte: Bühnenauftritte sind sein Jungbrunnen. Möge es noch lange so bleiben.