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| 22:53 Uhr

Grafiken, Objekte und Plakate
Ein Störer der bequemen Verhältnisse

Der Künstler Klaus Staeck.
Der Künstler Klaus Staeck. FOTO: Roland Weihrauch / dpa
Essen. Das Essener Museum Folkwang zeigt eine Klaus-Staeck-Retrospektive unter dem Motto „Sand fürs Getriebe“.

Er mischt sich bis heute ein: für Demokratie, Freiheit, Gerechtigkeit und die Umwelt. Und mit seinen Plakaten und Motiven betreibt Klaus Staeck auch Satire. Vom morgigen Freitag an widmet ihm das Museum Folkwang eine große Schau und zeigt bis 8. April frühe Grafiken aus den 1960er Jahren, Objekte und mehr als 200 Plakate aus der Zeit von 1971 bis heute. Unter der Überschrift „Sand fürs Getriebe“ dürfte es vor allem für Ältere eine Wiederbegegnung mit der satirischen Alltagskunst sein, die früher als Poster in den WG-Zimmern der 68er-Generation hing oder als Gesinnungsaufkleber den VW-Bulli schmückte. Satire bedeute für ihn, „sich für die unverschuldet Schwachen gegenüber die übermäßig Starken einzusetzen“, sagte Staeck gestern vor der Presse in Essen. „Ich verteidige die Politik in der Demokratie.“ Seine Motive auf Postkarten, Litfaßsäulen oder in Schulen und prägten die politische Debatte bis weit in die 80er-Jahre hinein.

Der große Aufreger mitten im Bundestagswahlkampf 1972 etwa, der Staeck bekannt und einigen auch verhasst gemacht hat: „Deutsche Arbeiter! Die SPD will Euch Eure Villen im Tessin wegnehmen“. Oder „Die Reichen müssen reicher werden. Deshalb CDU“. Oder das berühmte Altersbild der verhärmten Mutter des Malers Albrecht Dürer im Dürerjahr 1971, versehen mit der Aufschrift „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“. Jetzt werden sie auf die Wand geklebt im Essener Museum Folkwang wieder lebendig, sogar auf eigens angeschaffter Tapete in Betonoptik.

Motive von einst verweisen auf aktuelle Probleme. Die Mutter Dürers mit Kopftuch ähnelt Flüchtlingsfrauen aus islamischen Ländern. Und unter den Multiples findet sich eine Installation von 1992 zur „Festung Europa“: ein Stapel verbeulter Reisekoffer auf einer Europaflagge mit Dornenkrone aus Stacheldraht.

Das Credo des Heidelberger Grafikers, Juristen und Verlegers Klaus Staeck, der bis zum Jahr 2015 auch Präsident der Akademie der Künste in Berlin war, lautet: „Nichts ist erledigt!“ Und so ist es für den Politprovokateur zur Lebensaufgabe geworden, in ironisch-satirischer Weise mit künstlerischen Mitteln auf Missstände hinzuweisen: ein Plakat mit den kahlrasierten Schädeln von Neonazis in apokalyptischem Licht ziert der Satz in altdeutscher Schrift: „Herr, lass Hirn regnen auf diese Häupter“. Und seine Plakate zu Müllbergen, schmelzenden Polen, sterbenden Wäldern oder ölverschmierten Stränden sind Mahnmale bis heute.

Um möglichst viele Menschen zu erreichen gründete Staeck schon 1965 in seiner Wahlheimat Heidelberg die Edition Tangente, heute Edition Staeck und verlegte Plakate, Postkarten und Aufkleber selbst, auch die von Weggefährten wie Joseph Beuys. Allein das „Tessin“-Plakat hatte eine Auflage von 70 000 Stück. Insgesamt erreichte Staeck im Laufe der Jahre eine Auflage von 28 Millionen.

„Die Kunst auf die Straße tragen“, lautete der Slogan der progressiven Kunstszene damals. Auch das war dem gelernten Juristen und Heidelberger Anwalt wichtig, der seit 1960 aktives SPD-Mitglied ist: politisches Engagement inner- und außerparteilich. Aber es brachte ihm auch 41 teils nervenaufreibende Prozesse ein, die er alle gewann. Und den berühmten „Bonner Bildersturm“ 1976, als aufgebrachte Abgeordnete von CDU und CSU seine Plakate in der Parlamentarischen Gesellschaft von den Wänden rissen.

Die große Zeit der satirischen Politplakate aus dem vordigitalen Zeitalter ist zwar vorbei. Die Zeit der ungelösten globalen Probleme jedoch ist es nicht. Ein Staeck-Motiv von 2017 zeigt US-Präsident Trump auf der Weltkugel reitend wie Münchhausen, neben einem kleinen Twittersymbol der Satz: „Wieder im Programm: Der Lügenbaron.“

Er sei zwar nicht religiös, sagte Klaus Staeck, aber er glaube daran, dass David immer eine Chance gegen Goliath habe. So gesehen ist die Essener Retrospektive auch eine Art Vermächtnis des fast 80-jährigen Provokateurs für alle, die sich seine Plakate anschauen, egal wie alt.

Das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags und freitags bis 20 Uhr.

Die Installation „Sand fürs Getriebe“ vor dem Plakat „Vorsicht Kunst“ von Klaus Staeck gab der aktuellen Essener Ausstellung ihren Namen.
Die Installation „Sand fürs Getriebe“ vor dem Plakat „Vorsicht Kunst“ von Klaus Staeck gab der aktuellen Essener Ausstellung ihren Namen. FOTO: Roland Weihrauch / dpa
(epd)