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Hörbuch-Rezension
Ein nachdenklich stimmender Blick in die Zukunft

Nächste Ausfahrt Zukunft
Nächste Ausfahrt Zukunft FOTO: Argon-Verlag
Zweibrücken. Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar beschreibt in seinem Hörbuch „Nächste Ausfahrt Zukunft“ unsere im Wandel begriffene Welt. Es geht um die Digitalisierung, medizinischen Fortschritt und die Profitgier von Großkonzernen. Da kann einem bisweilen Angst und Bange werden. Von Eric Kolling

Wenn man einem zwölfstündigen Fach-Hörbuch so atemlos lauscht wie einem Krimi, dann hat der Autor (und Vorleser) vieles richtig gemacht. Ranga Yogeshwar kann also stolz auf sich sein, was ihm da bei seiner Meta-Weltanalyse „Nächste Ausfahrt Zukunft“ geglückt ist. Die ist allerdings thematisch eher Horror, Thriller und Drama. Der Physiker, der durch seine Wissenschafts-Erklärsendungen wie „Quarks & Co“, „Die große Show der Naturwunder“ oder „Wissen vor acht“ bekannt geworden ist, beleuchtet mit geschliffener Sprache, Scharfsinn und Weitblick gesellschaftliche (Fehl-)Entwicklungen. Es geht ihm dabei um die von (technischen) Innovationen getriebenen Umbrüche, die in seiner Einschätzung so drastisch ausfallen wie einst, als das Mittelalter durch die Renaissance abgelöst wurde oder die Moderne das Bürgertum erschütterte.

Im Einzelnen knöpft er sich etwa die digitale Revolution und Big Data, die Entwicklung von selbstfahrenden Autos, Ressourcenverschwendung und Planetenzerstörung vor, ebenso fragwürdige Tierversuche, Profitstreben oder Medien, die vor allem schlechte Nachrichten verbreiten oder Menschen, die sich nach dem Tod die Köpfe abtrennen lassen. In der Hoffnung auf eine Wiedergeburt im künstlichen Körper einige Jahrzehnte später. Ein buntes Potpourri, immer wieder geschickt miteinander verwebt.

Yogeshwar lässt in all diese Betrachtungen viele eigene unmittelbare Erfahrungen einfließen. So berichtet er von seinen Besuchen in einem Klonlabor in Südkorea, einer Auswilderungsstation auf Sumatra, von unterirdischen Eishöhlen auf Spitzbergen oder den zerstörten Atomanlagen in Fukushima. In einem Selbstversuch testet er, wie man mit einem „infizierten“ Handy abgehört werden kann. Oder erinnert sich, wie sein indischer Großvater die erste mobile Bibliothek einführte, um Menschen den Zugang zu den Wissensschätzen der Vergangenheit zu ermöglichen.



Seine Schlussfolgerungen, die all unsere Lebensbereiche betreffen, sind plausibel und oft furchteinflößend. Diktiert uns unsere Kaffeemaschine heute unser Tun, indem sie uns auffordert „Satzbehälter leeren“? Haben wir eine globale Angst vor der Zukunft entwickelt? Verlieren wir das Verständnis für und die Einflussmöglichkeit auf Innovationen – wenn etwa moderne Autos bei Problemen nur durch ein Diagnosegerät ihren Fehler preisgeben. Lassen wir zu, dass Neuerfindungen – vor allem digitale Apps, Programme oder Plattformen – uns bis aufs Äußerste ausspionieren, nur um dem Profitstreben weniger zu dienen? Wikipedia oder Gratis-Online-Lern-Plattformen zeigen laut Yogeshwar ja auch, wie es anders gehen könnte.

Der Autor probiert sich am Schluss in Versöhnlichkeit: Nie sei die Chance, etwas zu formen, die Zukunft zu gestalten, so groß wie jetzt gewesen. Doch ohne gesellschaftliche Massenbewegungen, ohne fundamentales Umdenken wird dies kaum gelingen. So bleibt die deprimierende Erkenntnis, dass unsere Zukunft ganz schön düster werden könnte. Vom jetzigen Stand zu prognostizieren, das wagt auch Yogeshwar nicht: „So sehr wir uns die Kristallkugel, mit der wir in die Zukunft blicken, auch wünschen, wir würden ihre Bilder nicht deuten können, weil auch wir im Übermorgen zu anderen Menschen geworden sein werden.“

Yanga Rogeshwar: Nächste Ausfahrt Zukunft – Geschichten aus einer Welt im Wandel; Argon-Verlag, 723 Minuten, ungekürzt; Autorenlesung,
ISBN 978-3-8398-1612-7

Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar ist auch bei Messen, wie hier der Internetkonferenz re:publica., ein gefragter Gast.
Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar ist auch bei Messen, wie hier der Internetkonferenz re:publica., ein gefragter Gast. FOTO: dpa / Britta Pedersen