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Größter Museumsneubau in Deutschland
Ein Museum als Stadt in der Stadt

Blick auf den vom Hamburger Büro gmp (Gerkan, Marg & Partner) entworfenen Erweiterungsbau.
Blick auf den vom Hamburger Büro gmp (Gerkan, Marg & Partner) entworfenen Erweiterungsbau. FOTO: Kunsthalle Mannheim/ Constantin Meyer / Constantin Meyer
Mannheim. Nach vierjähriger Umbau- und Einrichtungszeit hat die Mannheimer Kunsthalle ihre Pforten wieder geöffnet – die Erweiterung ist spektakulär. Von Bülent Gündüz

Als die Kunsthallen-Direktorin Ulrike Lorenz 2009 nach ihrem Amtsantritt laut darüber nachdachte, den sanierungsbedürftigen Anbau der Kunsthalle aus den 1980er-Jahren abzureißen und ein neues Gebäude zu errichten, wurde sie belächelt. Eine gute Idee sei das zwar, aber nicht zu finanzieren. Als 2011 ein Gutachten voraussagte, dass eine Sanierung teuer werden würde und die Mängel des Gebäudes nie ganz zu beheben seien, wurde die Idee plötzlich aktuell und dann ging alles ganz schnell.

Der Gemeinderat fasste den Beschluss für einen Neubau. Kurz zuvor hatte SAP-Mitbegründer Hans-Werner Hector bereits eine 50-Millionen-Euro-Spende zugesagt. Die Stadt steuerte zehn Millionen Euro bei. Weitere Fördergelder und Spenden konnten eingeworben werden, sodass die veranschlagte Summe von 68 Millionen Euro bald zusammen war. Den ausgeschriebenen Wettbewerb gewann das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner. Ende 2014 wurde der Bau von Architekt Mitzlaff abgerissen.

In nur drei Jahren war dann der Museumsbau fertiggestellt. Nur um Endspurt wurde es noch einmal eng. Die avisierte Eröffnung der Kunsthalle im Dezember Ende 2017 musste wegen technischer Probleme verschoben werden. Der Neubau wurde nahezu leer übergeben und erst am vergangenen Wochenende mit einer großen Feier und kostenlosem Eintritt eröffnet.



Der Neubau ist äußerst gelungen, auch wenn das Äußere vergleichsweise eher unauffällig ist. Kritiker sprachen gar von „Parkhaus-Design“. Dem Stahlbetonskelett mit seinen vertikalen und horizontalen Fensterbändern wurde ein bronzefarben schimmerndes Metallgewebe vorgesetzt. Tatsächlich ist der Bau recht sachlich und unspektakulär geraten. Grandios ist dafür das Innere. Man betritt das Museum über ein zentrales dreigeschossiges Atrium, das durch ein Glasdach tageslichthell ist. Von dort aus geht es über eine große Treppe in die beiden Obergeschosse. Brücken, Stege und Balkone durchlaufen den Bau, immer wieder öffnen sich Sichtachsen und geben den Blick nach draußen frei. Der Museumsbau mit seinen Räumen, Gassen und Plätzen lässt sich als Stadt in der Stadt erleben.

Die 13 Ausstellungssäle – Kuben genannt – sind zwischen 250 und 450 Quadratmeter groß und abwechslungsreich gestaltet. Fensterlose Räume wechseln sich mit Sälen ab, die breite Fensterfronten besitzen. Nackter Beton und offene Technikdecken sind genauso vorhanden wie weiße Wände und flache Decken, aus denen diffuses LED-Tageslicht strahlt. Über eine Passage geht es in die Kuppelhalle des Jugendstilbaus aus dem Jahr 1907 mit seinen zahlreichen Kabinetten. All das wirkt durchdacht, funktional und trotzdem schick.

Ulrike Lorenz und ihr Team haben einen spannenden Ausstellungsparcours ersonnen. Im Erdgeschoss des Neubaus zeigt die Kunsthalle eine Retrospektive mit Fotografien von Jeff Wall. Dessen aufwendig inszenierte Tableaus zeigen geheimnisvolle Situationen eines scheinbar banalen Alltagslebens, auf die sich der Betrachter seinen eigenen Reim machen muss. Für die teilweise hinterleuchteten Großformate, die nicht nur zufällig an die Tradition Alter Meister anknüpfen, sind die Räumlichkeiten ein idealer Ort.

Das restliche Haus widmet sich ganz der Neuinszenierung der Sammlung. Die lichte Hängung im Haus ist wunderbar geraten und beweist den Mut der Kuratoren zur Lücke, was den Werken, aber auch dem Auge, guttut. Immer wieder brechen die Kunsthistoriker mit Sehgewohnheiten, etwa wenn man im Kubus 6 im zweiten Obergeschoss auf drei monumental-schrundige Landschaften von Anselm Kiefer trifft. Ihnen gegenübergestellt ist eine rote Wand mit einem zarten Sonnenuntergang von Caspar David Friedrich. Das ist gewagt, aber es funktioniert.

Einen Kubus hat das Kuratorenteam dem menschlichen Körper gewidmet und versammelt Statuen von Rodin bis zu den „Nanas“ von Niki de Saint Phalle. Ein anderer fungiert als Schaudepot und versammelt Schönes, Hässliches und Skurriles. Über eine Passage geht es in den Altbau. Eine Zeitreise. Die düster-wuchtige Kuppelhalle ist das glatte Gegenteil des Neubaus. In den zahlreichen Kabinetten beleuchtet das Haus dort ideenreich anhand von Sammlungsstücken die eigene Geschichte.

Das alles macht Lust auf mehr. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Haus in den nächsten Jahren positionieren wird. Dass die Kunsthalle mit dem teuersten Neubau der deutschen Museumslandschaft zukünftig in einer anderen Liga spielen wird als in den Zeiten des muffigen Mitzlaff-Baus, dürfte aber schon jetzt feststehen.

Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr. Mittwoch: 10 bis 20 Uhr.

Im Inneren zeigt sich die neue Museumsqualität: Besucherbrücke auf Ebene 1 mit Blick auf den Jugendstilbau.
Im Inneren zeigt sich die neue Museumsqualität: Besucherbrücke auf Ebene 1 mit Blick auf den Jugendstilbau. FOTO: Foto: Kunsthalle Mannheim/ Lukac Diehl 2017 / Lukac Diehl