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Als Hitler das rosa Kaninchen stahl
Zwischen Ängsten und unbändiger Lebenslust

 Zeigt eine großartige Leistung: Riva Krymalowski als Anna Kremper.
Zeigt eine großartige Leistung: Riva Krymalowski als Anna Kremper. FOTO: 2019 Warner Bros.
„Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Caroline Link: Ein einfühlsames Porträt einer Exilfamilie. Von Martin Schwickert

Nach Hape Kerkelings „Der Junge muss an die frische Luft“ hat Caroline Link nun den Jugendbuch-Klassiker „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr aus dem Jahre 1971 für die Leinwand adaptiert. Aus der Sicht der neunjährigen Anna erzählt Kerr darin von den Erlebnissen ihrer eigenen Familie, die nach Hitlers Machtergreifung 1933 Hals über Kopf aus Deutschland flüchten musste. Ein Koffer, ein paar Kleider, zwei Bücher und ein Stofftier – so lauten die Packanweisungen der Mutter (Carla Juri).

Das stellt Anna (Riva Krymalowski) vor eine schwierige Entscheidung: Kommt ihr geliebtes rosa Kaninchen oder der Teddybär mit auf die überstürzte Reise. Sie entscheidet sich für den Bären, während das Stoffnagetier in Deutschland bei Hitler bleiben muss. Annas Vater (Oliver Masucci) ist schon vor wenigen Tagen Hals über Kopf nach Zürich gereist. Dem angesehenen Journalisten und Nazi-Kritiker drohte die Verhaftung. In der Schweiz zieht die Familie in einen Gasthof auf dem Lande. Die Berge, das Dorf, die Mitschüler, die einen schwer verständlichen Dialekt sprechen – alles ist neu für Anna, die ihr Berliner Zuhause, die liebenswerte Haushälterin Heimpi (Ursula Werner) und ihr rosa Kaninchen vermisst. Gerade als sie sich eingewöhnt hat, heißt es erneut umziehen. Für den Vater gibt es in der Schweiz keine Arbeit und in Paris kann er für eine jüdische Exilzeitung schreiben. In einer kleinen Dachkammer-Wohnung bezieht die Familie Quartier und Anna muss diesmal in einer ganz neuen Sprache noch einmal von vorn anfangen.

Immer enger werden die Räume, in denen die Familie lebt, während sich die politische Situation in Deutschland weiter zuspitzt und Anna klar wird, dass es keine Rückkehr in die Heimat geben wird. Immer auf Augenhöhe zu ihrer Protagonistin, zeigt Caroline Link, welche enormen Anpassungsfähigkeiten ein Kind im Exil entwickeln muss. Die Eltern versuchen die Schwierigkeiten ihrer Situation stets für die Kinder transparent zu machen, ohne ihnen das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu nehmen.



Wie schon in ihrem Debüt „Jenseits der Stille“ (1996) und zuletzt in „Der Junge muss an die frische Luft“ (2018) zeigt Link auch hier ihr gutes Gespür für Kinderdarsteller. Die junge Riva Krymalowski entwickelt ein beträchtliches Leinwand-Charisma, trägt den Film über weite Strecken allein auf ihren Schultern und macht die Ängste ihrer Figur ebenso sichtbar wie deren unbändige Lebenslust. Einzig die omnipräsente, deutlich überdosierte Musik navigiert dieses einfühlsame Porträt einer Exilfamilie gelegentlich in sentimentale Gefilde.

Deutschland/Schweiz 2019, 119 Min., Camera Zwo (Sb); Regie: Caroline Link; Buch: Link, Anna Brüggemann; Kamera: Bella Halben; Musik: Volker Bertelmann; Besetzung: Riva Krymalowski, Oliver Masucci, Carla Juri, Justus von Dohnányi.