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Jahrhundertprojekt gestartet
Ein Jahrhundertprojekt: Mainzer Dom bekommt neue Orgeln

Während eines Gottesdienstes spielt ein Organist auf der Orgel (rechts). Das riesige Klangwerk wird jetzt erneuert.
Während eines Gottesdienstes spielt ein Organist auf der Orgel (rechts). Das riesige Klangwerk wird jetzt erneuert. FOTO: dpa / Fredrik von Erichsen
Mainz/Luzern. Ziemlich heruntergekommen ist die Orgel der Kathedrale. Jetzt arbeiten Werkstätten in der Schweiz und in Österreich an einem neuen Klangwerk.

Die Verträge sind unterschrieben, jetzt können die Pfeifen geformt werden: Der Mainzer Dom bekommt in den kommenden Jahren eine völlig neue Orgelanlage, die mit 206 Registern und vier Spieltischen zu den größten Europas gehören wird. „Früher als geplant können wir jetzt starten“, sagt die Vorsitzende des Dombauvereins, Sabine Flegel.

Zwei Orgelbauer aus Österreich und der Schweiz gehen gemeinsam an die Arbeit. Die erste von drei neuen Orgeln soll schon 2020 erklingen. Das Gesamtwerk könnte, so hofft Flegel, bis etwa 2025 vollendet sein – wenn genug Spenden gesammelt werden, etwa in Form von Patenschaften für einzelne Pfeifen.

Die bisherige Orgel mit insgesamt 114 Registern ist seit Jahrzehnten heruntergekommen. Das Werk des Bonner Orgelbauers Klais wurde 1928 eingebaut und ist in großen Teilen nicht mehr zu benutzen. Die Orgel im romanischen Ostchor schweigt seit vier Jahren, die im Westchor und im Querhaus kann mit ihrem Klang nicht überzeugen. „In den 60er Jahren wurden Arbeiten mit Pressholzplatten ausgeführt, und Staubsaugerschläuche für die Windversorgung verwendet“, erklärt Domorganist Daniel Beckmann. „In der Mitte des Langhauses fehlt klangliche Präsenz. Der Klang ist ziemlich diffus.“



Die schon seit dem Jahr 1986 geplante Erneuerung umfasst drei große Abschnitte mit zwei völlig neuen Orgeln und der Neugestaltung des bestehenden Klangwerks im Westchor. „Das ist ein besonderes Jahrhundertprojekt“, sagt der Geschäftsführer des Orgelbauers Rieger in Schwarzach im Vorarlberg, Wendelin Eberle. „Mit der Größe des Raums und der Komplexität des Instruments ist das eine Herausforderung und ein Privileg.“ Für die Mainzer Domorgel hat sich Rieger mit dem Luzerner Orgelbauer Goll zusammengetan.

Los geht es in der Marienkapelle am Haupteingang des Doms zum Marktplatz. In dem dort verfügbaren recht begrenzten Raum wird Goll eine Orgel bauen, die vor allem darauf ausgelegt ist, den Gottesdienst zu begleiten, den Gemeindegesang zu führen und einen präzisen Klang zu erzeugen. „Sie hat nur 50 Register, aber für uns ist das trotzdem eine große Orgel“, sagt Goll-Geschäftsführer Simon Hebeisen. „Mit der mittigen Platzierung kann man eine intensive Präsenz und Nähe zum Klang erreichen.“

Für die Herstellung der Holz- und Metallpfeifen sowie der Windladen aus Eichenholz rechnet der Chef des Luzerner Orgelbauers mit einem ganzen Jahr. Die anschließende Montage und Intonation bedeuten Arbeit für ein halbes Jahr.

Rieger steuert zur Marienkapellen-Orgel den Spieltisch und die Technik bei. Die wichtigste Aufgabe für die Österreicher wird dann aber der Bau der Orgel für den Ostchor sein – bis Ende 2022. Während die Orgel in der Marienkapelle vor allem auf die Barockmusik des 17. und 18. Jahrhunderts ausgerichtet ist, soll die Orgel im Ostchor mit 95 Registern die Gestaltung imposanter Klangwelten der französischen Symphonik des 19. Jahrhunderts und der Orgelmusik bis hin zu Olivier Messiaen unterstützen. Für besondere Effekte sorgen Hochdruckstimmen für Klangfarben wie Trompete oder Französisch Horn.

Der dritte und letzte Bauabschnitt soll dann die Klais-Orgel erneuern, an ihrem ursprünglichen Platz im Westchor. Einige nicht mehr vorhandene Stimmen müssten dann rekonstruiert werden, erklärt Eberle. Und es sollen neue Windladen im Stil des frühen 20. Jahrhunderts eingefügt werden. Für den zweiten und dritten Bauabschnitt werden Spenden gesammelt.

Orgelfreunde können für einzelne Pfeifen Patenschaften übernehmen: Für 75 Euro kann man Pate einer Pfeife für Ton C im kleinen Zwei-Fuß-Register werden, für 5000 Euro gibt es die Patenschaft einer fast zehn Meter langen Pfeife im 32-Fuß-Register. Bisher sind so mehr als 257 000 Euro zusammengekommen. 685 Patenschaften wurden schon vergeben, 13 841 Pfeifen warten noch auf ihre Paten. Jede der drei Orgeln bekommt einen Spieltisch. Außerdem wird es einen Generalspieltisch geben. Alle drei Orgeln können von jedem der Spieltische gespielt werden, was über eine komplexe Elektronik gesteuert wird.

Bei einer solch großen Orgel bestehe die Gefahr, alle verfügbaren Klangfarben in die Anlage zu packen, sagt Goll-Geschäftsführer Hebeisen. „Das haben wir versucht zu vermeiden, indem wir eine ganz klare Struktur im klanglichen Bereich entwickelt und den unterschiedlich positionierten Werken klare Aufgaben zugeteilt haben.“

Die Orgelbauer in Deutschland sind bei der Entscheidung einer Fachkommission für das Domprojekt nicht zum Zuge gekommen, was vom Bund Deutscher Orgelbaumeister (BDO) bedauert wird. „Wir haben im Münchener Liebfrauendom und im Dom zu Speyer bewiesen, dass wir auch große Orgeln bauen können“, sagt der Verbandsvorsitzende Thomas Jann. Bei der Auswahl habe am Schluss das Konzept gesiegt, das am überzeugendsten gewesen sei, erklärt Domkantor Beckmann.

Der Musiker, der für Konzerte jetzt auch auf die Instrumente in St.Stephan und der Augustinerkirche ausweicht, freut sich bereits auf „ganz neue Perspektiven“ der zukünftigen Orgelanlage. „Das wird einfach unheimlich an Attraktivität gewinnen und die vielfältigen Aufgaben viel zufriedenstellender unterstützen.“ Der Farbenreichtum der künftigen Orgeltrias soll international einzigartig werden – um ganz im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils „die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben“.

(dpa)