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Kino
Ein großer Glücksgriff fürs Kino

Vom Meer über den Genfer See bis tief hinein in die Provinz: Agnès Varda und JR auf gemeinsamer Fahrt.
Vom Meer über den Genfer See bis tief hinein in die Provinz: Agnès Varda und JR auf gemeinsamer Fahrt. FOTO: Weltkino
„Augenblicke: Gesichter einer Reise“ von Agnès Varda ist eine packende Dokumentation. Uwe Mies

„Müssen Sie wirklich immer diese Sonnenbrille vor dem Gesicht tragen? Und diesen albernen Hut? Also wirklich, junger Mann.“ Eine Unterhaltung mit Agnes Varda kann auch in rauere Töne umschlagen, aber das war dem Mann am Steuer des VW-Busses vorher klar. JR, bürgerlich Jean René, aber auch Juste Ridicule, zu Beginn der Dreharbeiten 33, Fotograf, Aktionskünstler, einer der fünf wichtigsten französischen Künstler der Gegenwart, ist im Sommer 2016 Reisebegleiter bei einigen Überlandfahrten zusammen mit Agnes Varda und einem kleinen Filmteam.

Er möchte etwas lernen vom filmischen Blick der gebürtigen Belgierin, die als Ehefrau von Jacques Demy 1962 mit „Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7“ einen der Schlüsselfilme der Nouvelle Vague realisierte. Für ihren jüngsten Film will die 88jährige sich als Reisebegleiterin des Künstlers, der vom Alter her ihr Enkel sein könnte, von dessen Blick auf die Wirklichkeit inspirieren lassen. Dabei sollen ein Film und eben jene Fotos entstehen, die als riesige Abzüge im unmittelbaren Umfeld einer porträtierten Person an eine Wand oder ein Tor oder auf einen Eisenbahnwaggon geklebt werden. Mindestens drei Reisen – mal ans Meer, mal in die Provinz und an den Genfer See – -sind dafür vorgesehen.

Dies ist ganz ohne Frage ein Film über Menschen; die Menschen, die den Film machen, ihr Blick auf andere und zu einander, aber auch ihr Blick für die Kunst, wie sich immer wieder in faszinierenden Momenten zeigen wird. Genauso wichtig sind aber auch die Menschen, die JR ablichten wird, während Agnes Varda sich im Gespräch ihnen annähert. Und dann sind da noch die Kunstwerke, die Fotos, die JR mit einer eigens eingebauten Maschine in seinem VW-Bus entwickeln und ausdrucken lässt.



Dann werden die Abzüge aufgeklebt, was Überlegung in Sachen Blickwinkel und Untergrund erfordert. JRs Kunst ist dem Wetter ausgesetzt und also vergänglich; ein Foto ist schon am nächsten Tag nicht mehr da. Gut, dass es einen Film darüber gibt. Nicht immer herrscht gut Wetter zwischen den beiden Künstlern; Zusammenarbeit, Respekt, Freundschaft gar, das will erarbeitet und verdient sein.

Der Lohn dessen zeigt sich, wenn Agnes ihren alten Weggefährten Jean-Luc Godard nach langen Jahren wieder einmal besuchen will und dabei aufgeregt ist wie ein Teenager. Dieser Dokumentarfilm, der in diesem Jahr mit einer Oscar-Nominierung gewürdigt wurde, ist ein Glücksgriff fürs Kino. Weil er Menschen zeigt und Gefühle erfahrbar macht und weil er genau deshalb zu Herzen geht.

Frankreich 2017, 94 Min., Filmhaus (Sb); Regie und Buch: Agnès Varda und JR; Kamera: sieben Kameraleute; Musik: Matthieu Chedid.