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Hörspielrezension
Ein Geschäftsmodell mit Selbstmordplänen

Leere Herzen von Juli Zeh
Leere Herzen von Juli Zeh FOTO: Der Hörverlag
Zweibrücken. Juli Zeh skizziert im dystopischen Roman „Leere Herzen“ eine Firma, die Selbstmordattentäter ausfindig macht und für Anschläge weitervermittelt. Von Eric Kolling

Mit dem Thema Selbstmord gutes Geld verdienen – in Juli Zehs dystopischem Werk „Leere Herzen“ geht das. Dort betreiben die Protagonisten Britta Söldner und der Informatiker Babak Hamwi in Braunschweig die Praxis „Die Brücke“, die online über ein Spezialprogramm nach Selbstmordgefährdeten sucht und diesen entweder die Suizidgedanken austherapiert. Oder sie, wenn ihre Entschlossenheit zu groß ist, dorthin vermittelt, wo sie würdevoll abtreten und durch ihren Freitod noch etwas Bleibendes schaffen können. Heißt: Selbstmordattentate etwa für die scheinbar hehren Ziele radikaler Umweltaktivisten durchführen.

Die Beschreibung dieses abgrund-zynischen Geschäftsmodells ist aber nur der Auftakt der Story. Denn Britta und Babak stellen fest, dass es auf einmal auch noch andere Unternehmen gibt, die Selbstmordgefährdete hinter sich scharen. Wollen sie nur in Konkurrenz zur Brücke treten oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Bis hin zum deutschen Bücherpreis kann die 43-jährige studierte Rechtswissenschaftlerin Zeh schon eine erkleckliche Sammlung an literarischen Auszeichnungen vorweisen. Der juristische Doktortitel wurde ihr 2010 an der Universität des Saarlandes verliehen. Selbst trat sie schon im Bundestagswahlkampf 2005 für Rot-grün und vier Jahre später als SPD-Teilnehmerin in der Bundesversammlung in Erscheinung und trat nach Martin Schulz‘ Nominierung als Kanzlerkandidat in die SPD ein. Gleichzeitig ermahnte sie Kanzlerin Angela Merkel im Zuge der NSA-Affäre, angemessen zu reagieren. Es ist also nicht verwunderlich, dass in „Leere Herzen“ die Zeit von Merkel als Regierungschefin abgelaufen ist, sie zurücktreten musste.



Der Roman spielt 2025, also nur wenige Jahre in unserer Zukunft, es regiert die Besorgte Bürger Bewegung (BBB), die sich unübersehbar nur im Namen von der AfD unterscheidet. Und die zuvorderst an ihrem Machterhalt bastelt. Die EU zerbröselt immer weiter, was aber keinen interessiert: Das politische Interesse der Bürger ist derart geschrumpft, dass zwei Drittel der Leute in einer Umfrage angeben, sie würden ihr Recht zu wählen gegen eine Waschmaschine tauschen. Es regiert die Gleichgültigkeit, die an Realitätsflucht mehr als grenzt. Es ist ein Roman der verlorenen Figuren – diejenigen mit ihren Suizidwünschen, die die Brücke ins Visier nimmt, sind nur die Speerspitze. Zehs Gesellschaftskritik in ihrer bisweilen kaum erträglichen Bissigkeit schafft es mühelos, uns den Spiegel vorzuhalten. Wir sehen darin den schleichenden Verlust von demokratischem Verständnis, Gestaltungswillen, Werten, Prinzipien und Freiheit – bisweilen leider ein wenig zu holzhammerhaft vermittelt.

Die Hörspielumsetzung (es gibt auch eine Hörbuchfassung mit Ulrike C. Tscharre als Leserin) ist auch dank Musik und Geräuschen sehr kurzweilig gelungen, büßt aber einige Aspekte des komplexeren Zeh-Werks ein. Bettina Hoppe mit ihrer bestimmenden, eindringlichen, ausdrucksstarker Stimme ragt aus dem guten Sprecherensemble deutlich heraus.

Juli Zeh: Leere Herzen – Das Hörspiel, 126 Minuten, Der Hörverlag, 2 CD, ISBN: 978-3-8445-2912-8