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Ein Brückenbauer zwischen Ost und West

Lew Kopelew. Foto: Matzerath/dpa
Lew Kopelew. Foto: Matzerath/dpa
Moskau. Nasser Schnee bedeckt in Moskau die letzte Ruhestätte des Schriftstellers Lew Kopelew, der sich sein Leben lang einsetzte für eine Aussöhnung zwischen Russen und Deutschen. "Lew Sinowjewitsch Kopelew" steht in kyrillischer Schrift auf dem schlichten Grabstein, daneben klebt ein ovales Porträtfoto des Bürgerrechtlers mit dem markanten weißen Bart Von dpa-Mitarbeiter Wolfgang Jung

Moskau. Nasser Schnee bedeckt in Moskau die letzte Ruhestätte des Schriftstellers Lew Kopelew, der sich sein Leben lang einsetzte für eine Aussöhnung zwischen Russen und Deutschen. "Lew Sinowjewitsch Kopelew" steht in kyrillischer Schrift auf dem schlichten Grabstein, daneben klebt ein ovales Porträtfoto des Bürgerrechtlers mit dem markanten weißen Bart. Kurz nach seinem Tod am 18. Juni 1997 in Köln wurde Kopelew auf dem Donskoi-Friedhof in der der russischen Hauptstadt beigesetzt. An diesem Montag, 9. April, wäre der Autor, der mit Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll Brücken der Verständigung baute, 100 Jahre alt geworden.Der am 9. April 1912 als Sohn eines Agrarwissenschaftlers in Kiew geborene Kopelew galt als moralische Instanz. In Russland ergriff er für Alexander Solschenizyn und andere Regimegegner Partei und ließ sich auch durch Haftstrafen unter Stalin und Schikanen während der Breschnew-Ära nicht beugen. 1980 erhielt Kopelew mit seiner Frau Raissa Orlowa überraschend eine Erlaubnis für einen Studienaufenthalt in der Bundesrepublik. Doch 1981 bürgerten die sowjetischen Behörden den unbequemen Kritiker aus und verweigerten ihm die Rückkehr. Im gleichen Jahr wurde Kopelew in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. In einer denkwürdigen Dankesrede betonte der Humanist, dass der Friede nur erhalten bleibe, wenn die Menschenrechte gesichert würden. "Deshalb sind alle, die sich heute für die Menschenrechte einsetzen, wahre Friedenskämpfer." Kopelew nahm nach seiner Ausbürgerung die deutsche Staatsbürgerschaft an. Er behielt sie auch, als er 1990 vom damaligen Kremlchef Michail Gorbatschow rehabilitiert wurde.

Kopelew hatte nach dem Studium der Germanistik, Philosophie, Literatur und Geschichte eine Abteilung für ausländische Dramatik bei der Theatergesellschaft in Moskau geleitet. 1941 meldete er sich zur Roten Armee und versuchte, Grausamkeiten beim Einmarsch in Ostpreußen zu verhindern. Wegen "bürgerlich-humanistischer Propaganda des Mitleids mit dem Feind" verurteilt, musste Kopelew für fast zehn Jahre in Gefängnisse. Nach der Rehabilitierung 1956 nach Stalins Tod war er Dozent in Moskau. Doch mit seinem Engagement für Regimekritiker seit 1966 nahmen die staatlichen Schikanen wieder zu.

Mit der Schreckenserfahrung in Lagern des Gulag und nach dem Einmarsch von Warschauer-Pakt-Truppen zum Beispiel in Prag wendete er sich vom Kommunismus ab, auf den er lange Zeit Hoffnungen gesetzt hatte. Nach seiner Ausbürgerung übernahm er an der Gesamthochschule Wuppertal 1982 eine Forschungsprofessur und gründete im gleichen Jahr mit Böll die Gesellschaft Orient-Occident zur Förderung unterdrückter Autoren. Sein Leben in der Sowjetunion hielt Kopelew bereits in den 1970er Jahren in einer dreibändigen Autobiografie fest.



Dank den politischen Veränderungen in Moskau konnte Kopelew nach 1989 mehrfach seine russische Heimat besuchen - aber "für immer zurückkehren" wollte er nur ein letztes Mal. "Als Asche, in einer Urne", sagte er kurz vor seinem Tod. Im Familiengrab sei "ja noch ein Plätzchen frei". Dort ruht er nun neben seiner 1989 ebenfalls in Köln gestorbenen Frau Raissa.