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Lars Eidinger über seine Arbeit als Schauspieler
Nur nicht zu seinem eigenen Klischee werden!

Lars Eidinger und Bjarne Mädel (rechts) in „25 km/h“ als zwei Brüder, die per Mofa durch Deutschland tingeln.
Lars Eidinger und Bjarne Mädel (rechts) in „25 km/h“ als zwei Brüder, die per Mofa durch Deutschland tingeln. FOTO: imago/APress / imago stock&people
Zweibrücken. Der Schauspieler spricht über seine Rollen auf der Bühne und vor der Kamera und seinen Part in der neuen Filmkomödie „25 km/h“. Von Uwe Mies

Lars Eidinger, 1976 in West-Berlin geboren, hat sich seit 1999 im Ensemble der Berliner Schaubühne den Ruf eines herausragenden Theaterschauspielers erarbeitet. Seine Arbeiten für Film und Fernsehen reichen vom Arthouse-Drama („Alle Anderen“) über psychotische Schurkenrollen wie im Tatort-Krimi „Borowski und der stille Gast“ bis hin zur Brecht-Interpretation in „Mackie Messer“. Ab diesem Donnerstag spielt er in Markus Gollers Komödie „25 km/h“, die in vielen Kinos der Region anläuft.

Aktuell scheint es, als gäbe es fast jede Woche einen neuen Film mit Ihnen.

EIDINGER Das stimmt, aber es ist ein Kriterium, das ich auf mich nicht anwende. Ich finde meinen Beruf im Grunde so normal wie irgendeinen anderen auch. Ich sage ja auch nicht zu einem Bauarbeiter, nur weil ich ihn jeden Tag auf dem Gerüst stehen sehe, er soll sich mal ein bisschen rarmachen. Wenn ich einen solchen Maßstab bei meiner Arbeit anlegen würde, dass ich aus Rücksicht auf Übersättigung der Zuschauer weniger Rollen annehme, dann wäre das ein karrieristisches Kalkül auf eine Erwartungshaltung hin. So eine Entscheidung habe ich aber noch nie getroffen.



Müssen Sie als Schauspieler Erwartungen erfüllen?

EIDINGER Das kann passieren. Wenn einer sagt: Der Lars Eidinger im Theater, das ist eine Rampensau. Ich könnte daraus schließen, ich muss einen auf Berserker und Rampensau machen, denn dafür lieben mich die Leute. Und fange nun an, so zu spielen und die Erwartungshaltung zu bedienen. Dann entferne ich mich von dem, um was es mal gegangen ist. Dann werde ich zu meinem eigenen Klischee. Ich bin aber weder Berserker noch Rampensau und auch kein Experte des Maßlosen.

Eher ein Experte der Präzision, so wie Sie den Museumsführer in Florian von Donnersmarcks „Werk ohne Autor“ vom Sprachstil angelegt haben.

EIDINGER Das freut mich aber, dass Ihnen das aufgefallen ist. Ich hatte mich in der Tat sehr damit beschäftigt, war dann aber, nachdem ich den Film gesehen hatte, von mir ein bisschen enttäuscht.

Wieso das?

EIDINGER Dieser Singsang, diese herablassende Süffisanz, ich finde, dass es noch ein bisschen stärker hätte sein dürfen.

Sehen Sie eine Korrespondenz zwischen dieser Rolle und dem Bertolt Brecht in „Mackie Messer“?

EIDINGER Natürlich gibt es eine historische Nähe der Figuren zueinander. Die Sprache war aber tatsächlich die größte Herausforderung bei „Mackie Messer“, weil das zwar alles Brecht-Zitate sind, die aber oft genug gar nicht aus Gesprächssituationen, sondern aus schriftlichen Abhandlungen stammten. Nachdem ich mich entschieden hatte, Brechts Sprachstil in Dialekt und Stimmlage nicht zu imitieren, war es der nächste Schritt, eine Diktion, Melodik oder einen Rhythmus zu erfinden, der diese Sprache so transportiert, dass sie am Ende glaubwürdig klingt.

Was genau bedeutet Ihnen die Schauspielerei?

EIDINGER Hm, ich finde den Begriff Schauspielerei oft missverständlich im Verhältnis zu dem, was es eigentlich für mich ist. Ich kann mit den ganzen Methoden nicht so viel anfangen. Method Acting etwa behauptet ja, dass man sich so lange in einer Rolle verhält, dass man am Ende aus ihr heraus agieren kann. Also: Ich kann nur einen Bäcker spielen, wenn ich auch Brot backen kann. Ich finde, das Konzept hinkt. Denn wenn man es konsequent weiterdenkt, was muss ich dann anstellen, um einen Serienmörder glaubwürdig verkörpern zu können?

Was ist Ihr Ansatz?

EIDINGER Ich versuche im Brechtschen Sinne offensiv und ehrlich mit dem Prozess umzugehen. Brecht sagt: „Zeigt, dass ihr zeigt.“ Auch für mich ist es die eigentliche Qualität des Berufs, das spielerische Moment auszustellen und nicht zu sagen, dass ich mich verwandle und zu jemand anderes werde. Man sieht halt immer mich, wie ich jemand anderes spiele. Das macht den Reiz aus.

Und wie tangiert der Brechtsche Ansatz Ihre Arbeit als Filmschauspieler?

EIDINGER Das Erste, was einem an einem Filmset beigebracht wird, ist nicht in die Kamera zu schauen. Wieso eigentlich nicht? Die Leute sollen doch nur deshalb nicht wissen, dass da eine Kamera ist, weil es eine Zeit gab, wo den Leuten weisgemacht wurde, es gibt keine Inszenierung. Deshalb denke ich, dass wir ohne es zu wissen, viel mehr unter dem Einfluss illusionistischer Propaganda eines Joseph Goebbels stehen, als unter der Lehre von Brecht.

Wie gestaltet sich für Sie der Unterschied zwischen Bühne und Kamera?

EIDINGER Grundsätzlich, dass man ins Kino oder in den Fernseher nur reinschauen kann, und aus dem Theater auch raus. Für mich macht das einen eklatanten Unterschied aus. Ich genieße es, während ich spiele, von der Bühne herab das Publikum anzugucken. Deshalb hat Theater auch mehr mit dem Leben gemein, weil es wie das Leben vergeht. Stillstand bedeutet Tod.

Ah, der Kitzel des Augenblicks.

EIDINGER Genau! Nichts bleibt stehen, der Moment ist immer in Bewegung. Aber im Film tut man so, als ob ein Moment festgehalten werden kann. Für mich hat das etwas Morbides. Ich finde es viel schöner, loszulassen und zu spüren, wie es vorbeigeht: Deshalb ist Theater für mich das Kultivieren von Leben, weil es jetzt stattfindet, und dann ist es wieder vergangen. Deshalb verschenke ich auch lieber Schnittblumen als Topfpflanzen.

Diese Woche kommt mit Markus Gollers Komödie „25 km/h“ ein Film ins Kino, in dem Sie eine der beiden Hauptrollen spielen.

EIDINGER Der ist super, oder? Absolut stimmig in dem, was er ist und sein will. Der ist unterhaltsam, emotional, kurzweilig, pointiert.

Komik definiert ihren Erfolg ganz wesentlich im Timing.

EIDINGER Absolut, wobei aber das Timing einem beim Film immer ein bisschen aus der Hand genommen wird, und zwar durch den Schnitt. Aber im realen Leben trägt Timing mindestens zu 80 Prozent zum Gelingen einer Pointe bei. Insofern muss man auch beim Film ein Gespür dafür entwickeln, wann dieses Timing eine Authentizität erfährt. Ich kenne den Gag ja schon, muss ihn also so setzen, dass er funktioniert. Das ist gar nicht so einfach.

Sie sind jetzt 42, sehen aber um einiges jünger aus. Wie halten Sie sich fit?

EIDINGER Ehrlich gesagt, mache ich gar nichts. Ich habe weder eine Tagescreme noch trinke ich viel Wasser. Ich mache nichts, was ich machen müsste, um mir den Glanz ewiger Jugend zu bewahren.

Sind Sie sportlich?

EIDINGER Ich habe als Jugendlicher viel Sport getrieben, erst Fußball ab meinem 6. Lebensjahr und dann Tennis von 12 bis 18. Allerdings spricht keine Sportart den ganzen Körper an, Theater hingegen schon. Nach zweieinhalb bis drei Stunden „Richard“ auf der Bühne wirkt mein Körper total durchdefiniert. Insofern kann ich sagen, dass ich mich total viel bewege. Joggen ist mir zu langweilig, und in Sportklamotten durch die Stadt zu rennen, das finde ich total peinlich.

Das Gespräch führte Uwe Mies