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Neue französische Literatur
„Die Welt gehorcht dem Bluff“

Berlin. Éric Vuillards mit dem Prix Goncourt prämiertes Buch „Die Tagesordnung“ erzählt vom Aufstieg der Nazis. Von Christoph Schreiner

Tages- und Weltordnung fallen manchmal zusammen: Als am 20. Februar 1933 (drei Wochen nach Hitlers Machtergreifung, zwei Wochen vor den letzten Reichstagswahlen) 24 führende deutsche Industrielle von Gustav Krupp und Wilhelm von Opel bis zu Ernst Tengelmann und Friedrich Flick in Görings Reichstagspräsidentenpalais mit Hitler zusammenkommen, geht es um die finanzielle Flankierung der NS-Politik. Man wird schnell handelseinig: Hitler verspricht, als Reichskanzler aufzuräumen, im Gegenzug fließen Millionen in den NSDAP-Wahlkampf. Vielleicht wäre die Geschichte anders verlaufen, hätten sie nicht alle die finanziell klammen Nazis damals unterstützt: BASF, Bayer, Agfa, Opel, IG Farben, Siemens, Allianz oder Telefunken.

Ihr Geheimtreffen mit Hitler stellt der französische Schriftsteller Éric Vuillard an den Beginn seines „Die Tagesordnung“ überschriebenen Buches, für das er 2017 den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, bekam. Vuillard stellt die Schuldfrage darin neu, indem er daran erinnert, dass das Paktieren all dieser Unternehmen mit den Nazis nach 1945 meist ebenso ungesühnt blieb wie ihr Beschäftigen Abertausender Zwangsarbeiter. Ihre Konzerne aber florieren bis heute. „Unser Alltag ist der ihre. Sie heilen und bekleiden uns, fahren uns über die Straßen der Welt und lullen uns ein“, schreibt Vuillard, der in „Die Tagesordnung“ dasselbe literarische Verfahren anwendet, das auch seinen früheren Büchern zugrundeliegt.

Wie zuletzt in „Kongo“ über die koloniale Ausbeutung des zentralafrikanischen Landes zu Zeiten des belgischen Königs Leopold II., reanimiert er erneut die Historie mittels einzelner, in äußerster Schärfe herangezoomter Details, in denen sich für ihn eine ganze Zeit (und deren Ewigkeitsgehalt) kondensiert. Vuillard hat dazu eingehende Recherchearbeit getrieben und nicht nur die Biografien der Staatsführer jener Jahre ausgewertet, sondern auch diverse historische Abhandlungen. Das Berliner Februartreffen ist nicht die einzige Zeitkapsel, die er neu knackt. Hernach nimmt er sich den Antrittsbesuch des späteren britischen Außenministers Lord Halifax vier Jahre später (1937) bei Göring vor, bei dem Halifax „die wahnwitzige Egomanie“ des deutschen Feldmarschalls aufgegangen sein müsse. Vuillard beschreibt eine von Halifax in dessen Lebenserinnerungen erzählte Szene in Berchtesgarden, als er beim Ausstieg aus seinem Wagen Hitler nicht erkannte, sondern diesen für einen „Lakaien“ hielt. Was für Halifax im Nachhinein das Zeug zum Schenkelklopfer hatte, illustriert für Vuillard grosso modo die „gesellschaftliche Erblindung“ im Zeichen der fatalen Appeasement-Politik jener Jahre.



„Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens“, schlussfolgert Vuillard später im Zusammenhang mit seiner Schilderung der wenige Wochen vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Wien datierenden, grotesken Einbestellung des österreichischen Kanzlers Kurt Schuschnigg auf Hitlers Berghof. „Nichts ist unschuldig in der Kunst des Erzählens“, wenn man die Weltpolitik auf ihre lächerlichsten Motive und banalsten Manifestationen herunterbricht. Dass Chamberlain etwa, nachdem ihn die Nachricht vom deutschen Einmarsch in Austria ereilte, aus bloßer Höflichkeit dem bei ihm in der Downigstreet 10 zum Souper geladenen deutschen Botschafter (und späteren Außenminister) von Ribbentropp nicht schleunigst die Tür wies, sondern sich von ihm mit Anekdoten über französische Weine hinhalten ließ, beweist für Vuillard den Sieg der Form über die Inhalte.

Und doch: Je länger man Vuillards szenische Tiefenbohrungen im Nazideutschland der 30er Jahre liest, umso mehr bleiben Zweifel an der Gültigkeit seines literarischen Verfahrens. Seine ständig eingestreuten blasierten Kommentierungen à la „Ribbentropp versteht sich auf alles! Auf wirklich alles! Sogar darauf, das Ende eines offiziellen Essens so lange wie möglich hinauszuzögern.“ oder „Sicher war Schuschnigg von diesem wahnwitzigen System aus Zaudern und Reue fasziniert“ schmälern in ihrem selbstherrlichen Ton die innere Glaubwürdigkeit des Buchs. Was Vuillards „Tagesordnung“ auszeichnet, würde auch ohne dieses maliziöse Levitenlesen offenbar: „Die Welt gehorcht dem Bluff.“

Genau das bleibt von diesen szenischen Ausgrabungen als Erkenntnis zurück: dass der abgefeimte Staatsschauspieler Hitler damals Politik wie Industrie wahlweise zum Narren hielt oder mit mafiösen Mitteln in die Enge zu treiben und sich dienstbar zu machen wusste.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Aus dem Französichen übersetzt. von Nicola Denis. Verlag Matthes & Seitz, 120 Seiten, 18 Euro.