| 22:44 Uhr

Anna Katharina Hahn in Amt eingeführt
Die neue Mainzer Stadtschreiberin schaut dem Zeitgeist stets intensiv auf die Finger

Die neue Mainzer Stadtschreiberin Anna Katharina Hahn sitzt in ihrer Schreibstube und hält eine Schreibfeder.
Die neue Mainzer Stadtschreiberin Anna Katharina Hahn sitzt in ihrer Schreibstube und hält eine Schreibfeder. FOTO: Andreas Arnold / dpa
Mainz. In ihren Stuttgart-Romanen zeigt Anna Katharina Hahn: Literarische Beobachtungsgabe kann zu verstörenden Nebenwirkungen führen. Aber Lesen schenkt auch Trost, hilft dabei, die Dinge anders zu sehen.

Literatur entlarvt Wirklichkeit. Die Stuttgarter Autorin Anna Katharina Hahn hat das erlebt, als sie nach ihrem ersten Roman „Kürzere Tage“ nicht mehr von Nachbarn gegrüßt wurde. Mindestens drei Frauen hätten sich in einer ihrer fiktiven Figuren wiedererkannt, erzählt die Schriftstellerin bei der Antrittslesung als neue Stadtschreiberin in Mainz. „Das war schon ein bisschen gruselig.“

Mit drei Romanen hat sich Hahn als genaue Beobachterin des Zeitgeistes, als Milieuzeichnerin eingeführt. Das könne auch schon mal fast brutale Züge annehmen, sagt die Mainzer Kulturdezernentin Marianne Grosse: „Da zerfällt das Stuttgarter Bionade-Biedermeier unter dem Einschlag weniger Romanzeilen.“ Falls die neue Stadtschreiberin nun auch Mainz zum Gegenstand ihrer erzählerischen Beobachtungsgabe mache, werde das Ergebnis womöglich ähnlich verstörend sein wie in ihren Stuttgarter Milieustudien.

Doch bei der Ankunft zeigt sich die neue Wirkungsstätte der Stadtschreiberin ganz von ihrer goldenen Seite. „Mainz hat mich so schön begrüßt, die Sonne über dem Rhein, die Wolken rissen auf, das ist bestimmt ein gutes Vorzeichen“, schwärmt Hahn. Sie sei stolz und glücklich über die gemeinsame Auszeichnung der Stadt Mainz mit den Fernsehsendern ZDF und 3Sat. Die verheiratete Mutter von zwei Söhnen im Alter von 15 und 17 Jahren freut sich auf das Refugium zum Arbeiten. Auch das nächste Romanprojekt ist in Stuttgart angesiedelt, wie sie verrät, mit einem Abstecher in die USA, wo sie im vergangenen Jahr drei Monate verbrachte.



Hahn ist die nunmehr 34. Mainzer Stadtschreiberin und nun in einer Reihe mit Abbas Khider (2017), Clemens Meyer (2016), Feridun Zaimoglu (2015), Urs Widmer (2003), Peter Härtling (1995), Sarah Kirsch (1988) und Gabriele Wohmann, die 1985 den Reigen eröffnete. Das Besondere der Auszeichnung sei nicht nur das Preisgeld von 12 500 Euro, sondern die Stadtschreiberwohnung im Angesicht des Doms, sagt Kulturdezernentin Grosse. Ein volles Jahr könne Hahn in Mainz nun ihr Leben entschleunigen und sich wie in einer Einsiedelei ganz dem Schreiben widmen.

„Sozial ist es nicht, es ist sehr einsam“, stimmt die Autorin zu. Sie versuche, sich bei jedem Buch neu zu finden – „dann ist es da, und es kommt das nächste.“ Die Romanfiguren liegen ihrer Schöpferin am Herzen. Sie „sind ein bisschen wie aus einer Kordel gedreht, ein Faden in dieser Kordel ist meine Biografie.“

Im Roman „Am schwarzen Berg“, drei Jahre nach dem Debüt 2012 erschienen, tauchen die Proteste gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 auf. Hahn sieht darin eine „Sehnsucht nach etwas, das größer ist als wir selber“ – und das ist gar nicht so sehr verschieden von der Sehnsucht des schwäbischen Romantikers Eduard Mörike, der sich mehrfach in die Geschichte einschleicht. Die Autorin warnt: „Es ist nicht ungefährlich, sich in fremde papierene Welten zu verlieren.“ Sich wegzuträumen hat Folgen für die Alltagsbewältigung.

Literatur kann enge Realität verformen, weiter machen. „Kunst ist ein ungeheurer Trostfaktor“, versichert Hahn in der neu bezogenen Stadtschreiberwohnung mit Blick auf den Mainzer Dom. „Sie hilft, Dinge anders zu sehen, als es im Mainstream gesehen wird.“