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Musikfestspiele Saar
Die Musikfestspiele gehen baden

 Vladimir Spivakov wird das große Requiem-Konzert der Musikfestspiele Saar am 11. November in der Kathedrale von Verdun dirigieren. Der Sender Arte überträgt das Konzert, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und EU-Kommisionspräsident Jean-Claude Juncker werden im Publikum sitzen.
Vladimir Spivakov wird das große Requiem-Konzert der Musikfestspiele Saar am 11. November in der Kathedrale von Verdun dirigieren. Der Sender Arte überträgt das Konzert, Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und EU-Kommisionspräsident Jean-Claude Juncker werden im Publikum sitzen. FOTO: b.fz.
Saarbücken/Verdun. Deutlich verjüngt präsentiert sich das Festivalteam um Bernhard Leonardy. Künftig soll jedes Jahr Festspieljahr sein. Von Oliver Schwambach

Die Badekappe, die die Löwenmähne von Bernhard Leonardy einhegen könnte, muss wohl erst noch designt werden. Doch der Festspielchef wird sie brauchen. Eine doch eher spezielle Attraktion des nun „Classic for Neophytes“ getauften Saar-Festivals soll nämlich das Planschen zu Händels „Wassermusik“ sein, frei nach dem Motto „F-Dur – das erfrischt richtig“. Im Kombibad Fechingen (7. November), im Dudweiler Hallenbad und in Altenkessel (jeweils 8. November) kann man musikalisch abtauchen.

Dass die Musikfestpiele Saar nun tatsächlich baden gehen, hatte mancher wohl erwartet. Allerdings im übertragenen Sinne, weil die Fördermittel des Landes für das traditionsreiche Klassik-Event quasi auf Null gesetzt wurden. Und ein elendes Hin und Her um tatsächliche wie mögliche neue Festivals folgte, sich das SPD-geführte Kulturministerium und die CDU bestimmte Staatskanzlei mal als Förderer des Pop, mal als Freunde der Klassik gerierten, mal ihre Vorliebe auch auf irgendwas dazwischen fiel. Und das zumeist noch alternierend.

Bernhard Leonardy jedoch, der das vor 30 Jahren privat gegründete Festival von seinem Vater, dem Pianisten Robert Leonardy, übernommen hat, gab nicht auf, sondern legt jetzt einen Neustart hin, der sich gewaschen hat. Mit kaum öffentlichem Geld, 40 000 Euro gibt es von Staatskanzlei und Saartoto, sowie 30 000 Euro von der Region Grand Est. Auch das Saar-Kulturministerium habe mal 20 000 Euro für das wichtigste Festival-Konzert in Verdun avisiert, so Leonardy, dann aber mit Verweis auf leere Kassen wieder abgesagt.



Übers Geld will Leonardy aber erstmal gar nicht diskutieren „Wir zeigen jetzt, was wir können“, sagt er. Und hofft, dass sich die Politik durch Taten überzeugen lässt, den Geldbeutel wieder weiter zu öffnen. Den besten Rückhalt bekommt der Intendant jetzt vom Förderverein der Festspiele mit fast 1000 Mitgliedern. Die offenbar enormen Unterstützungswillen aufbringen, wie der Fördervereinsvorsitzende Prof. Eduard Arzt versichert.

„Geblieben sind nur die Haare, ansonsten ist alles neu“, fasst Leonardy junior, der von seinem Vater die Pusteblumen-Frisur geerbt hat, sein Festivalkonzept pointiert zusammen. Tatsächlich trat der Senior oft als Alleinunterhalter auf. Neu-Intendant Bernhard Leonardy kümmert sich vorwiegend ums Künstlerische, das Festivalmanagement übernimmt die Regisseurin Karin Maria Piening, die bereits Kulturprojekte in Frankreich, Spanien und Deutschland verantwortete. Die Flötistin und Musikerzieherin Eva Karolina Behr entwickelt Konzepte, kümmert sich um die Dramaturgie. Außerdem stützt sich Leonardy nun auf einen künstlerischen Beirat mit Vertretern der hiesigen Musikhochschule aber auch der Musikwissenschaft an der Saar-Uni. Und das sind gewiss keine Ja-Sager. Der frühere Rektor der Musikhochschule, Prof. Thomas Krämer, zitierte denn gleich mal August Everding: „Wer den Zeitgeist heiratet, wird morgen Witwer sein“. Und mahnte damit auch die Politik: Das Land brauche sicher vieles, aber keine Festivals, die dem Zeitgeist hinterherhecheln.

Dennoch präsentierten sich nun auch die Musikfestspiele reformiert. Neu ist schon mal der Turnus: Ein kleines und ein großes Festival sollen sich künftig abwechseln. 2019 ist demnach wieder Hauptfestivaljahr. Vom 24. April bis 26. Mai gehen die Festspiele dann über die Bühne. Schon 2018 aber – vom 27. Oktober bis 11. November – macht man Appetit auf den Neustart; daher auch das Neophyten-Motto. Das sind Pflanzen, die auf für sie untypischem Terrain heimisch werden. Genauso will Leonardy, hauptberuflich Kantor an der Basilika St. Johann, neues, junges Publikum aufs Klassik-Terrain locken. So schreibt man nun Musikvermittlung groß, setzt aber auch auf niederschwellige Angebote. Dabei wagt man schon was, wenn am 4. November etwa in der Basilika St. Johann HipHop mit Orgelmusik kombiniert wird. Am Ende tanzt da noch der Zeitgeist mit.

Höhepunkt allerdings ist – ganz klassisch – ein Requiem-Konzert in der Kathedrale von Verdun am 11. November in Erinnerung an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren. Zwei Requien, von Mozart und von Camille Saint-Saëns, wird die russische Nationalphilharmonie unter Vladimir Spivakov mit dem eigens formierten Festivalchor aufführen. Damit festigen die Deutschen auch die Zusammenarbeit mit Frankreich; Spivakov leitet seit über 25 Jahren das Colmarer Festival.

Das Konzert wird im Übrigen keinen Eintritt kosten. „Bei der Erinnerung an ein solches Ereignis, darf man keinen Eintritt nehmen“, meint der Festspielchef. Und viele werden hinschauen, denn Arte will das Konzert live übertragen. Zu erwarten ist, dass man dann auch viel Politprominenz im Publikum sieht. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron, EU-Kommisionspräsident Jean-Claude Juncker, Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und Ministerpräsident Tobias Hans reihen sich zu einer langen Liste von Schirmherren. Da kommt also viel, viel Aufmerksamkeit auf die Musikfestspiele zu. Genau die können sie brauchen.

 Gut gelaunter Neustart: Festivalchef Bernhard Leonardy (4.v.l.) hat jetzt neue Mitstreiter: Prof. Thomas Krämer, Eva Karolina Behr, Karin Maria Piening und Prof. Eduard Arzt (von links).
Gut gelaunter Neustart: Festivalchef Bernhard Leonardy (4.v.l.) hat jetzt neue Mitstreiter: Prof. Thomas Krämer, Eva Karolina Behr, Karin Maria Piening und Prof. Eduard Arzt (von links). FOTO: Oliver Schwambach