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Karin Schmidt-Friderichs
Die Buch-Begeisterungs-Weckerin

 Karin Schmidt-Friderichs ist die neue Vorsteherin des Börsenvereins. Ihre Aufgabe: Lust auf das Produkt Buch zu wecken.
Karin Schmidt-Friderichs ist die neue Vorsteherin des Börsenvereins. Ihre Aufgabe: Lust auf das Produkt Buch zu wecken. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Frankfurt/Mainz. Die Mainzer Verlegerin Karin Schmidt-Friderichs startet als Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. In dem Job gibt es einiges zu tun und vieles unter einen Hut zu bringen. dpa

(dpa) Wer ein Buch kauft, bekommt mehr als Papier zwischen Pappe: Er erkauft sich „Rückzug und Ich-Zeit“, sagt Karin Schmidt-Friderichs, die neue Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. „Es geht nicht um das Produkt, sondern um die Zeit, die es dauert, das Buch zu lesen“, findet die 59-Jährige. Lesen sei in diesem Sinne „nicht sozial“: Wer liest, ist ganz bei sich, nach innen gekehrt.

„Miroloi“ von Karen Köhler begleite sie seit dem Sommer, erzählt sie im Winter in ihrem neuen Büro im „Haus des Buches“ mit Blick auf Paulskirche und Frankfurter Skyline – in Form eines Sonnenbrands über dem T-Shirt-Rand, den sie lesend nicht bemerkte. Die Mainzer Verlegerin ist das Sprachrohr der deutschen Buchbranche, so etwas wie Deutschlands oberste Bücherfrau. Wo andere jammern oder drohen, hat sie das Positive im Auge, will mit ihrer Begeisterung anstecken.

„Die Begeisterung für Bücher ist da“, davon ist Schmidt-Friderichs überzeugt, „vor allem für die Menschen dahinter: die Autoren.“ Bei Signierstunden stünden die Menschen Schlange, Lesungen seien oft schnell ausverkauft. „Wir müssen Buch-Erlebnisse schaffen. Leseförderung ist auch Buchbegeisterungs-Förderung.“



Für drei Jahre ist Schmidt-Friderichs als Vorsteherin gewählt. Sie vertritt Buchhandlungen, Verlage und Zwischenhändler, deren Interesse naturgemäß auseinandergehen. „Das macht es schwierig“, gibt sie zu, „aber das ist auch die Stärke des Börsenvereins, dass er mit einer Stimme spricht.“ Über den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels darf sie künftig mitentscheiden, die Preisrede auf den Gewinner des Deutschen Buchpreises halten und die Frankfurter Buchmesse eröffnen.

Bis dahin gibt es Themen genug, zum Beispiel Nachwuchssorgen. „In vielen Buchhandlungen stellt sich in den nächsten zehn Jahren die Nachfolgefrage.“ Als Vorsteherin versteht sie sich auch als Botschafterin für Anliegen, die über die Buchbranche hinausgehen, etwa den Kampf für Menschenrechte und Meinungsfreiheit.

Dass Büchermenschen dem Papier verhaftet sind, ist logisch. Dennoch sieht die Branche die Chancen des Digitalen, sagt Schmidt-Friderichs. Das Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) war früher ein Katalog, dann eine Datenbank und ist heute die „Datendrehscheibe“. Via „VLB-TIX“ publizieren Verlage ihre digitalen Vorschauen, betten Filme oder Veranstaltungen ein.

Händler können Bookmarks setzen, virtuelle Büchertische bilden oder sich gegenseitig Titel empfehlen. „Eigentlich genial“, findet Schmidt-Friderichs die Entwicklung, „aber beide Seiten müssen das noch lernen.“

Was ihr besonders wichtig ist: „Wie schaffen wir es, die Vielfalt der Branche zu erhalten?“ Deutschland brauche unabhängige Verlage, „die Mut haben, Neues, Ungewohntes und Abseitiges zu verlegen“. Und es brauche den unabhängigen Buchhandel, der Titel entdeckt und Spezialthemen besetzt. „Nur wenn auf beiden Seiten große Vielfalt herrscht, finden auch spezielle Produkte zu spezialisierten Händlern“, sagt Schmidt-Friderichs.

Daran, dass Buchhändler im Fachjargon offiziell „Sortimenter“ heißen, muss sie sich noch gewöhnen. Lieber würde sie sie als „Kuratoren“ sehen: Wo Ausstellungsmacher aus einem unüberschaubaren Angebot die passenden Werke für eine Ausstellung auswählen, leisten gute Buchhändler das gleiche für ihre Kunden, ohne dass ihnen der bei Museen übliche Nimbus zuteilwird.

Einige Verlage haben in jüngster Zeit die Preise angehoben. Schmidt-Friderichs hat dafür Verständnis: Die Produktions- und Herstellungskosten seien in den vergangenen Jahren gestiegen. „Dem müssen Verlage Rechnung tragen.“

Seit Amtsantritt im Oktober muss sie ihre Zeit aufteilen zwischen dem Verlag in Mainz und den Sitzungen in Frankfurt. „Seitdem stapelt sich Ungelesenes auf dem Nachttisch“, bedauert sie. Manche Titel kaufe sie neuerdings als Hörbuch noch mal. „Ich verbringe viel Zeit im Stau zwischen Mainz und Frankfurt – mit Hörbüchern.“