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Alexander von Schönburgs Tugend-Brevier
Zur Ritterlichkeit braucht’s kein hohes Ross

„Das Gute wird schön, indem es leicht wird“, lautet Alexander von Schönburgs Wahlspruch, entliehen von Ulrich Hegendorff.
„Das Gute wird schön, indem es leicht wird“, lautet Alexander von Schönburgs Wahlspruch, entliehen von Ulrich Hegendorff. FOTO: picture alliance / Geisler-Fotopress / dpa Picture-Alliance / gbrci/Geisler-Fotopress
Saarbrücken. Alexander von Schönburg versucht sich an einem modernen Tugend-Brevier. Seine „Kunst des lässigen Anstands“ umfasst weit mehr als nur soziale Etikette — morgen stellt er das Buch in Saarbrücken vor. Von Christoph Schreiner

Wenn ein Graf, der Mitglied der Chefredaktion der „Bild“ ist, heute von Ritterlichkeit redet, wirkt das, gelinde gesagt, irritierend. „Bild“ verkörpert das Gegenteil dessen, was man mit Ritterlichkeit assoziiert: Demut, Nobilität, Maß, Würde und Höflichkeit. Man tut gut daran, sich davon nicht beirren zu lassen. Denn Alexander Graf von Schönburg-Glauchau, wie sich der Graf in „Bild“-Diensten (und Bruder von Gloria von Thurn und Taxis) mit vollem Titel nennt, gelingt mit „Die Kunst des lässigen Anstands“ dann doch eine bemerkenswerte Tour d’horizon durch unseren verwilderten Tugend-Dschungel. Auch wenn dabei eine gute Portion l’art pour l’art im Spiel ist (und man die kniggehaften, bisweilen entsetzlich versnobten Einsprengsel am Ende der 27 Kapitel à la „Damen tragen zu Röcken und Kleidern immer Seidenstrümpfe, auch im Sommer“ nicht als deren Messlatte nehmen sollte).

Bereits im Vorwort macht von Schönburg klar, worauf er abzielt: Der ungezähmte Hedonismus heute habe zu maßloser Selbstbezogenheit und moralischer Beliebigkeit geführt – weshalb er verlorene zivilisatorische Errungenschaften zusammenkehrt, um dem geneigten Leser in Form von 27 Handreichungen an Tugenden zu erinnern, die es grosso modo wert wären, beherzigt zu werden. Wiewohl sich von Schönburg als Konservativer outet, der im aufgeklärten Katholizismus Halt findet, schlägt er weder einen gouvernantenhaften Ton an noch kommt er uns mit bloßen Salon-Weisheiten. Auch wenn er zum Dozieren neigt und dabei selbst ein Stück weit Alfred Adlers zitiertes Bonmot „Fake it ’til you make it“ zu beherzigen scheint: Unterm Strich enthält „Die Kunst des lässigen Anstands“ genug geistreiche Anregungen, die die Lektüre lohnen.

Von Schönburg zufolge findet am ehesten sein persönliches Glück, wer versuche, „über sich hinauszuwachsen und die beste Version seiner selbst aus sich herauszukitzeln“. Was Aristoteles (einer der Ahnherren, auf die der Graf wiederholt Bezug nimmt) Eudaimonía nannte – was sich mit „gedeihlicher Lebensführung“ oder schlichter und umfassender mit „Glück“ übersetzen ließe – , hieße nichts anderes, als sich selbst treu zu bleiben, ohne anderen damit zu schaden und hinter den eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben. Rigorismus und Perfektionismus ist dabei schon deshalb für von Schönburg fehl am Platz, weil mit den alten Griechen jede wohlverstandene Tugend „sich immer genau in der Mitte zwischen zwei Extremen“ bewege.



Weltoffenheit, eine der 27 Tugenden des Bandes, schließt für von Schönburg etwa ein, „das Anderssein der anderen“ nicht nur in Kauf zu nehmen, es vielmehr zu pflegen – insoweit rümpft der bekennende Weltbürger in ihm ob der Gleichmacherei der deutschen Einwanderungspolitik, die von Migranten das schnellstmögliche Ablegen ihrer Fremdheit verlange, pikiert die Nase. Als Grundschwäche des Buchs erweist sich zwar, dass von Schönburg von hohem Ross aus argumentiert. Etwa, wenn es im der Klugheit gewidmeten Kapitel heißt: „Nur wer das Richtige aus freien Stücken tut, handelt ehrenvoll.“ Das klingt dann doch arg betulich. Hat seinen Grund aber darin, dass die mittelalterliche Ritterlichkeit ihrem Autor die Hand führt und er allzugerne auf die Artussagen oder das Rolandslied rekurriert, in denen Besonnenheit und Ehre wegweisend sind. Damit nicht genug, flicht von Schönburg en passant Bruchstücke einer Historie europäischer Adelsgeschlechter mit ein – wer eine Schwäche für „blaues Blut“ hat, wird auf seine Kosten kommen. Dass man bei Kapitelüberschriften wie „Zucht“ zusammenzuckt, ist Kalkül. Tatsächlich handelt er süffisant (und ohne verbales Säbelrasseln) die Kunst der Selbstbeherrschung ab („Wer die Freiheit besitzt, manches ein wenig hinauszuzögern, steigert damit den Genuss.“) – um sich an die eigene Nase zu fassen: „Man müsste jetzt nur eine Tüte Chips (am liebsten mit Balsamico-Geschmack) vor mich stellen, damit meine ganze Argumentation kollabiert.“ Das ist mehr als nur Koketterie. Man darf ihm abnehmen, dass er weiß, dass Glaubwürdigkeit und Selbstkritik sia­mesische Zwillige sind.

Das Rad individueller Moral erfindet das Buch nicht neu. Weil der Autor seine 27 Tugendumkreisungen aber durchaus als originelle, süffige Kurz-Essays anlegt und mit denkwürdigen Zitaten aus Literatur und Philosophie spickt, an denen er sich argumentativ entlanghangelt, liest man es mit Gewinn. Im Ton und Pointensetzen erinnert es an Rolf Dobellis Megaseller „Die Kunst des klaren Denkens“ – nur dass von Schönburg zum Unterfüttern seiner Positionen anstelle psychologischer Studien Versatzstücke der abendländischen und fernöstlichen Geistesgeschichte zusammendübelt. Es geht ihm um das Finden einer Balance „zwischen altertümlichen Stärke- und neuzeitlichen Milde-Idealen“. Die Ritterlichkeit, die er meint, paart Coolness mit Kindness und Demut mit Aufrichtigkeit und Toleranz. Davon kann man sich in diesen wertenivellierenden Zeiten durchaus mal ein paar Scheiben abschneiden.

Alexander von Schönburg: Die Kunst des lässigen Anstands. 27 altmodische Tugenden für heute. Piper, 320 Seiten, 20 Euro.
Lesung und Vortrag mit Alexander von Schönburg morgen (Mittwoch, 19 Uhr)im Saarbrücker Theater im Viertel (Landwehrplatz). Eintritt: acht Euro