| 22:38 Uhr

Festival Perspectives: Milo Raus „Five Easy Pieces“
Die Hölle hinter der Harmlosigkeit

In seiner unschuldigen Intensität manchmal schwer erträglich: das Spiel der jungen Akteure in „Five Easy Pieces“.
In seiner unschuldigen Intensität manchmal schwer erträglich: das Spiel der jungen Akteure in „Five Easy Pieces“.
Saarbrücken. Milo Raus Stück über den Fall Dutroux ist die herausforderndste Perspectives-Produktion. Von Oliver Schwambach

Gehört ein solches Monster wirklich auf die Bühne? Müssen Marc Dutroux‘ Untaten auch noch zum Schauspiel werden? Diese Fragen sind natürlich rhetorisch. Denn Theater, das nicht auch nach den Abgründen des Menschseins griffe, wäre sinnlos. Und doch weicht nach Milo Raus „Five Easy Pieces“ in der Alten Feuerwache bei den „Perspectives“, nach dem famosen Spiel dieser Kinder und Jugendlichen vom Genter Kunstzentrum „Campo“, die Beklemmung kaum. Kann es richtig sein, sie in dieses Stück über einen Kinderschänder und Kindermörder zu verwickeln, gewissermaßen mit ihrer Unschuld zu spielen? Und es war ja auch nicht allein bloß ein Fall Dutroux. Seine Verbrechen ließen Belgien taumeln. Weil die Polizei lange versagte, Teile der Justiz eher gegen als für die Opfer arbeiteten, sich viele Belgier letztlich von ihrem Staat verraten fühlten.

Der Schweizer Regisseur Milo Rau, von vielen als Genie des Doku-Theaters und Reenactments gefeiert, rennt gern gegen Grenzen des nicht mehr Erträglichen an. „Five Easy Pieces“ ist wohl seine bisher kühnste Produktion. Wüsste man nicht vorab, um was es geht, wäre der Prolog glatt ein Täuschungsmanöver. Sieben Kinder – Rachel Dedain, Bruna Frederico, Maurice Leermann, Pepijn und Willem Loobuyck, Polly Persyn und Winne Vanacker – treten bei einem Casting an. So pfiffig, talentiert und altklug wie Acht- bis Vierzehnjährige eben sein können. Casting-Leiter Peter Seynaeve fragt sie nach ihren Vorlieben, ihrem Rollenverständnis. Einlullend harmlos ist das. Aber was für ein Kontrast zum Folgenden. Denn sie drehen dann einen Film über Dutroux. Maurice Leermann spielt in der ersten Szene bannend dessen Vater: einen vom Schicksal geschlagenen alten Mann.

Doch das Mitleid bröckelt, wenn sich der Greis erinnert, wie selbstverständlich er sich als Weißer damals in Belgisch-Kongo eine „schwarze Prinzessin“ angelte. Immer drastischer wird das. Eine Tat-Rekonstruktion wird nachgestellt, ein Ortstermin, wo Dutroux zwei Mädchen lebendig begrub. Manchmal doppelt Rau diese Momente. Dann läuft im Hintergrund eine Projektion, in der parallel erwachsene Schauspieler dieselbe Szene spielen. Gleich einem Verfremdungseffekt. Oft aber wird das souveräne Spiel der jungen Akteure schier unerträglich ob des Bewusstseins, dass das der Wahrheit entspricht. Nur ihr Reden übers Drehen, übers Kunst machen, holt einen wieder zurück.



Denn das alles ist auch Theater – mit seiner Möglichkeit, Unfassbares dann doch spielbar werden zu lassen und zu einer Katharsis zu führen. Nicht zuletzt daraus erwächst Milo Raus dramatisches Gefüge, dass so subtil wie verstörend, so ergreifend wie analytisch ist. Und: Ja, es ist notwendig, dass gerade Kinder das spielen.