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„Die Hexenholzkrone“ in der Kritik
Der Weltenbauer hat nichts verlernt

Die Hexenholzkrone Bd 2 von Tad Williams
Die Hexenholzkrone Bd 2 von Tad Williams FOTO: Der Hörverlag
Zweibrücken. Tad Williams’ Auftakt der neuen „Osten-Ard“-Reihe gelingt nach 30 Jahren glanzvoll: Er kommt in „Die Hexenholzkrone“ schneller zur Sache, setzt auf eine spannende, mysteriöse Fantasy-Story und begeistert mit ausgeklügelten neuen und sinnvoll weiterentwickelten bekannten Figuren. Ein Genuss. Von Eric Kolling

Wenn abgeschlossene Meisterwerke nach Jahrzehnten weitergeführt werden, kommt bisweilen inhaltlich Dünnes dabei heraus, weil den Autoren einfach keine schlüssige Geschichte einfällt, die über einen schalen Neuaufguss hinausgeht. So gesehen bei „Star Wars – Das Erwachen der Macht“, trotz allen Erfolges und Schauwerten. Einer, der sich anschickt, es viel besser zu machen, ist Fantasyautor Tad Williams. Noch liegt nur der erste Teil seiner neuen Osten-Ard-Reihe vor. Doch die, wegen ihres Umfangs in zwei Werke gesplittete Ausgabe von „Die Hexenholzkrone“, die den Auftakt der Trilogie „Der letzte König von Osten Ard“ bildet, lässt Großartiges erwarten.

Rückblick: Mit „Das Geheimnis der Großen Schwerter“ hatte der heute 60-jährige Williams in den 80er und 90ern eine Reihe geschaffen, die an Tolkiens „Herr der Ringe“ erinnerte, aber viele eigene Akzente setzte und George R.R. Martin zu „Game of Thrones“ inspirierte. Williams Bücher spielen in der mittelalterlichen Fantasy-Welt „Osten Ard“, es gibt (Menschen-)Völker mit explizit ausgestalteten Religionen, Lebensarten, dazu Trolle, Drachen, Riesen und die Elben, geteilt in die „Guten“ (Sithi) und die „Bösen“ (Nornen). In der frühen Reihe versuchte ein einst getöteter Elb („der Sturmkönig Ineluki“) durch eine List aus dem Reich der Toten zurückzukehren. Verrat unter den Sterblichen und deren eigene Machtinteressen spielten ihm in die Karten. Ausgerechnet der tollpatschige Küchenjunge Simon und seine Helfer vereitelten diese Pläne.

Hier setzt die Fortsetzung an – 30 Jahre später. Simon ist ein weiser König, seine Geliebte Miriamel ist nun Königin. Ihr einziger Sohn ist unter unklaren Umständen gestorben, ihr jugendlicher Enkel ist ein versoffener Weiberheld. Miriamels Onkel Josua, eigentlich rechtmäßiger Thronanwärter, ist ebenso verschollen wie seine beiden Kinder. Der Kontakt zu den Sithi ist abgerissen. Simons übersinnliche Träume haben ausgesetzt. Menschen hören Stimmen und sind aggressiv. Eine Sithi-Botin wird angeschossen, und es gibt offenkundig eine Gruppe, die die Königin der Nornen anbetet. Die ist nach langem Schlaf erwacht und plant einen Schlag gegen ihre Feinde – schlimmer als das, was Ineluki einst vorhatte. Magische Artefakte und Rituale spielen dabei offenbar eine Rolle.



Williams kommt schneller zur Sache als im damaligen Auftakt, der – ähnlich wie Tolkiens „Herr der Ringe – Die Gefährten“ – erst über hunderte Seiten (im Hörbuch mehrere zähe Stunden) die Welt und ihre Protagonisten detailreich vorstellte. Erst dann zog das Böse am Horizont auf und Simons Heldenreise begann. Diesmal geschieht dieser Wandel nebenbei. Williams führt viele neue Figuren ein und gestaltet sie so differenziert und interessant, dass man mit beinahe jeder mitfiebert. Sogar mit einer Gruppe (bösartiger) Nornen, die auf eine Sondermission geschickt werden – überhaupt mit den Nornen, deren Gesellschaft intensiver beleuchtet wird und die in ihrem Handeln lange nicht mehr so bösartig erscheinen wie früher.

Am bewährten Aufbau hält er fest: Er beginnt gefühlt 20 bis 30 parallele Erzählstränge, die er häppchenweise fortsetzt. In deren Verlauf kreuzen die Protagonisten (die wieder viel reisen) ihre Wege, es bilden sich neue (Reise-)Gruppen. Und Williams sät soviel Ungewissheit (und bringt auf der Zielgerade eine überraschende Wendung), dass man die Fortsetzung herbeisehnt. Als Buch könnte die Fortsetzung laut Klett-Cotta-Verlag Sommer 2019 erscheinen.

Am stärksten ist Williams, wenn er die etablierten Helden auftreten lässt. Allen voran Simon und Miriamel – als altes Ehepaar, das sich jugendliche Züge bewahrt hat (der König kichert, als seine Frau einem hohen Geistlichen bei einer Audienz diplomatisch in die Schranken weist) und gleichzeitig weise und ungemein verliebt daherkommt. Ein nächtlicher Streit-Disput zwischen den beiden Ehepartnern zählt zu den starken Momenten des Buches. Ebenso ein hintersinniges Wortduell zwischen einer Sklavin und der Nornin, die sie vordergründig umsorgt, aber eigentlich umbringen will. Dazu kommen Action-Momente nicht zu kurz, etwa wenn Simon unverhofft einem Riesen gegenübersteht oder ein Drache auf der Bildfläche erscheint.

So spannend das Selber-Lesen der Bücher ist – was Sprecher Andreas Fröhlich einmal mehr in der Hörbuchfassung aus der Vorlage macht, ist ein Vergnügen. Nicht nur, dass er den Figuren – vom Kleinkind über fiese Nornen bis zu wiedererweckten dämonischen Wesen – eigene Charaktere verleiht, er schafft es auch noch, jeder Figur dabei eine Gefühlsbandbreite zu geben. Erneut eine Meisterleistung.

Tad Williams: Die Hexenholzkrone 1 (1374 Minuten), Die Hexenholzkrone 2 (981 Minuten, jeweils ungekürzt), Der Hörverlag.

Die Hexenholzkrone Teil 1 von Tad Williams
Die Hexenholzkrone Teil 1 von Tad Williams FOTO: Der Hörverlag