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Interview
„Die Herkunft wird immer eine Rolle spielen“

 Die Mehrheit im Osten war 1990 auf eine schon fast kindliche Art und Weise bereit, alles vom Westen zu übernehmen, sagt Ingo Schulze.
Die Mehrheit im Osten war 1990 auf eine schon fast kindliche Art und Weise bereit, alles vom Westen zu übernehmen, sagt Ingo Schulze. FOTO: dpa / Soeren Stache
Berlin. Der ostdeutsche Schriftsteller zieht eine Bilanz 30 Jahre nach dem Mauerfall – und erklärt, welche Klischees ihn am meisten nerven.

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, am 3. Oktober wird die Deutsche Einheit gefeiert. Wie blickt der Schriftsteller Ingo Schulze auf Ost und West? Der 56-Jährige hat in vielen Büchern Ost-West-Geschichten erzählt. Heute sagt er: Was Klischees angeht – da gibt es einen Satz, der ihn besonders stört.

Welche Klischees über Ost und West halten sich aus Ihrer Sicht am hartnäckigsten? Welches nervt Sie am meisten?

SCHULZE Am meisten nerven mich Sätze wie: Man muss die Lebensleistung der Ostdeutschen anerkennen. Käme jemand auf die Idee zu mahnen, man müsse die Lebensleistung der Westler würdigen? Warum das eine, und warum ist das andere nicht notwendig? Man könnte 30 Jahre nach der friedlichen Revolution ja mal fragen, worin der Osten dem Westen überlegen gewesen ist und was in der kurzen Zeit des Übergangs ausprobiert wurde, beispielsweise dass in allen Bereichen, von der Schule bis zum Betrieb, die Beschäftigten daran gingen, ihre eigenen Leute zu wählen.



Wie hat sich aus Ihrer Sicht das Verhältnis von Ost und West in den vergangenen fünf bis zehn Jahren verändert?

SCHULZE Nach meiner Erfahrung konnte man Ende der 90er Jahre gelassener über den Osten sprechen als heute. Dann kam eine Politik, für die Hartz IV zum Synonym geworden ist und die tatsächlich Armut säte, darauf folgte die Finanzkrise von 2008. Die hat das jetzige System in Frage gestellt. Mit dem Hinweis auf das knapp 20 Jahre zuvor untergegangene System, kann man sich immerhin noch eine Art Überlegenheitsgefühl verschaffen.

Inwiefern gibt es alte und neue Gräben?

SCHULZE Ich muss vorausschicken, dass ich allergrößte Meinungsverschiedenheiten auch mit anderen Ostlern habe, Ost und West sind ja in sich nicht homogen. Und natürlich kann und muss man zur Erklärung von Unterschieden bis in die Zeit der Reformation und der Bauernkriege zurückgehen oder noch weiter. Nichts ist vergangen. Das vorausgeschickt würde ich sagen: Die Mehrheit im Osten war 1990 auf eine schon fast kindliche Art und Weise bereit, alles vom Westen zu übernehmen, vom Westen zu lernen, es genau so gut zu machen. Ich bin überzeugt, dass die Erfahrungen von Beginn der 90er Jahre keinesfalls weniger prägend waren als die Erfahrungen in der DDR, die ja auch die Erfahrung brachte, ein System friedlich ändern zu können.

Wird die Herkunft irgendwann keine Rolle mehr spielen?

SCHULZE Warum soll das keine Rolle spielen? Natürlich wird die Herkunft immer eine Rolle spielen, es kommt halt auf den Kontext an. Die Frage ist, wie damit umgegangen wird. Und ob immer nur die eine Seite in Frage gestellt wird.

Welches Kapitel der Ost-West-Geschichte ist noch nicht erzählt?

SCHULZE Zu wenig erzählt wird das kurze Kapitel zwischen dem Herbst 89 und dem Sommer 90, als die Demokratisierung eben nicht vor der Ökonomie halt machte. Es war nicht nur der Versuch, diejenigen, die man für die besten hielt, zum Leiter oder Chef zu wählen. Es stand auf der Tagesordnung, wie die sogenannten volkseigenen Betriebe tatsächlich volkseigen werden könnten. Die Diskussionen und praktischen Versuche, diese Teilhabe auszuprobieren, erscheinen mir heute sehr aktuell.