| 22:00 Uhr

Zum Tod von Tomi Ungerer
Der schelmische Provokateur aus dem Elsass

  Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Bild aus einem Zyklus Ungerers über die französische Geschichte, gezeichnet für das Saarbrücker „Perspectives“-Festival. Als er 1989 ein Plakat für das Festival gestaltete, wurde es verworfen  – der damalige SPD-Oberbürgermeister Hans-Jürgen Koebnick fand die erotisch-derbe Darstellung von Napoleon und Marianne zu freizügig.
Die Revolution frisst ihre Kinder. Ein Bild aus einem Zyklus Ungerers über die französische Geschichte, gezeichnet für das Saarbrücker „Perspectives“-Festival. Als er 1989 ein Plakat für das Festival gestaltete, wurde es verworfen – der damalige SPD-Oberbürgermeister Hans-Jürgen Koebnick fand die erotisch-derbe Darstellung von Napoleon und Marianne zu freizügig. FOTO: ohne co
Cork. Der Zeichner Tomi Ungerer ist im Alter von 87 Jahren gestorben. Sein Plakat für das „Perspectives“-Festival löste vor 30 Jahren eine Kontroverse aus. Von Kurt Krohn

Die Provokation war Tomi Ungerers liebstes Metier. Mit seinen Zeichnungen und Karikaturen trieb er nicht nur den Sittenwächtern seiner Zeit die Schamesröte ins Gesicht. Auch vor den Allerjüngsten machte der Elsässer nicht halt. In seinen berühmten Kinderbüchern konfrontiert Ungerer die kleinen Leser nicht nur mit den unbeschwerten Seiten des Lebens. Kinder seien kleine Erwachsene, so seine Überzeugung, man müsse sie herausfordern, neue Dinge zu lernen. Das war auch sein eigenes Motto. Ungerer sah sein Leben als ständige Herausforderung, sich weiter zu entwickeln. Nun ist er im Alter von 87 Jahren im Haus seiner Tochter im irischen Cork gestorben.

Zur Welt kam er 1931 als Jean-Thomas Ungerer, als jüngster Sohn einer renommierten Uhrmacherfamilie in Straßburg. Als Kind erlebte er den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Besatzung, die Befreiung durch die Franzosen. Bei den einen durfte er nicht mehr Französisch sprechen, bei den anderen nicht mehr Deutsch – und Elsässisch war sowieso verpönt.

Vielleicht sind es diese Erlebnisse, die Ungerer gelehrt haben, sich nie zu sehr an eine einzige Heimat zu klammern. Nach dem Krieg trieb es ihn rastlos durch die Welt. Mitte der 50er Jahre wanderte er aus in die USA. Es gelang ihm, sich in der Szene mit seinen witzigen, provozierenden, bisweilen verletzenden Karikaturen einen Namen zu machen. Auftraggeber waren die „Times“ oder auch der „New Yorker“. Unger sah aber auch kein Problem darin, Werbeplakate für die Industrie zu zeichnen. „Ich will nicht identifiziert sein für eine Sache oder eine andere Sache“, sagte Ungerer einmal. „Ich mag, Kinderbücher zu machen an einem Tag, und dann am nächsten Tag mache ich vielleicht Plakate oder Reklamen.“



Wegen seiner Plakate gegen den Vietnamkrieg geriet Ungerer allerdings ins Visier des FBI und seine freimütigen sexuellen Darstellungen überforderten das amerikanische Publikum. So zog er weiter durch die Welt und ließ sich nie auf ein Genre von Zeichnungen festlegen. Vielen Menschen in Deutschland ist Ungerer vor allem als Autor von Kinderbüchern bekannt. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Die drei Räuber“ und „Der Mondmann“.

Ungerer war ein Weltenbummler, dennoch blieb er seiner elsässischen Heimat verbunden. Zeitlebens setzte er sich für die deutsch-französische Freundschaft ein, wofür er 1993 das Bundesverdienstkreuz erhielt. „Er war nicht nur ein großer Künstler, er verkörperte auch die Komplexität des Elsass, seiner Doppelkultur. Wir haben uns vorgestellt, dass es ewig ist, und jetzt verlässt er uns“, sagte Alain Fontanel, stellvertretender Bürgermeister von Straßburg angesichts der Todesnachricht.

In seiner Geburtsstadt wurde ihm schon zu Lebzeiten ein Tomi-Ungerer-Museum eingerichtet. Ein Besuch dort lässt erahnen, mit wie viel Eifer, Furor und Freude dieser Mann gearbeitet hat. Ungerer hinterlässt über 40.000 Zeichnungen, mehr als 150 Bücher, zudem zahllose Bilder, Lithographien und Skulpturen.
Informationen: www.strassburg.eu/tomi-ungerer-museum