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Tad Williams im Interview
„Das Universum ist nie nur Schwarz und Weiß“

 Schreibt im Moment an seiner neuen Osten-Ard-Reihe: der amerikanische Fantasy-Experte Tad Williams.
Schreibt im Moment an seiner neuen Osten-Ard-Reihe: der amerikanische Fantasy-Experte Tad Williams. FOTO: Marijan Murat
Saarbrücken. Die Fantasy-Ikone spricht über Bösewichte, „Game of Thrones“, seine neuen Osten-Ard-Bücher und die Verfilmung seiner Werke. Von Eric Kolling

Er gilt seit den 80er Jahren als der moderne Tolkien: Der Kalifornier Tad Williams setzte damals mit seiner Fantasyreihe „Das Geheimnis der Großen Schwerter“ Maßstäbe, die George R.R. Martin zu „Game of Thrones“ inspirierte. 30 Jahre später setzt er die Reihe fort. Warum eigentlich? Und wie hält er es mit „Game of Thrones“ oder einer Verfilmung seiner eigenen Werke? Das verriet er dem Merkur am Rande einer Lesung in Saarbrücken.

Mister Williams, wissen Sie schon, wie die neuen Osten-Ard-Bücher enden?

Ich muss immer etwas vom Ende wissen, wenn ich an den frühsten Teilen bin. Denn ich schreibe eine Geschichte, aber ihre Teile werden veröffentlicht, ehe ich das Ende formuliere. Ich denke da an Anton Tschechows Gewehr. Er sagte, wenn im ersten Akt ein Gewehr an der Wand hängt, dann wird es im letzten Akt abgefeuert. In der gleichen Art muss ich Leute mit Hinweisen und Vorahnungen auf all das vorbereiten, was am Ende der Geschichte passiert. Denn es sind keine getrennten Bücher, es ist alles eine Geschichte. Ich schreibe vielleicht fünf oder sechs Jahre an der Gesamtgeschichte. Ich muss etwas lernen, wenn ich schreibe, neue Dinge herausfinden. Es ist immer ein Drahtseilakt für mich zwischen dem All-Wissen und dem Nichts-Wissen.



Wie lange haben Sie gebraucht, um da erste Buch abzuschließen?

Das hängt wirklich davon ab. Ich habe sie meistens in etwas mehr als einem Jahr fertig geschrieben. Ich schreibe ziemlich schnell, so dass ich auch sehr lange Bücher in der Zeit schaffe, wenn es keine anderen Katastrophen oder plötzliche Alarme oder ähnliches gibt. Ich schreibe etwa zehn Manuskriptseiten am Tag und die Bücher umfassen etwa 1000 bis 1200 Seiten. Ich kann aber auch nicht jeden Tag schreiben, denn manchmal passieren im normalen Leben auch Dinge, ich arbeite an anderen Projekten, wir haben ja auch Kinder, wir haben ein Leben.

Was sind die Hauptunterschiede zwischen den neuen und den alten Büchern?

Es gab in den ersten Büchern vieles, was neben dem Geschichtenerzählen ablief. Auf einem gewissen Level habe ich über modernes Fantasy-Schreiben gesprochen und es kommentiert, außerdem über Tolkien und dessen Nachahmer. In den neuen Büchern ist es mir wichtiger, die Leser in die Köpfe und die Kultur der Nornen einzuführen, die gefürchteten, gefährlichen Charaktere, die in den ersten Büchern in einigem Abstand blieben. Jetzt sind sie nicht einfach Monster, sie sind nicht nur Feinde in einer Propaganda-Version. Sie denken, sie beschützen ihre Familien, ihre Kultur. Wenn die ersten Bücher ein Thema hatten, dann war es das Aufwachsen, sein Heim verlassen und etwas über die Komplexität der Welt lernen, ein moralischer Erwachsener werden. Jetzt geht es stärker darum, was es bedeutet, wenn die Verantwortung für andere der bedeutsamste Teil deines Lebens ist.

Sie sprachen über die Guten und die Bösen, Schwarz und Weiß. Wie wichtig ist es, zwischen beiden zu differenzieren?

Aktuell sehen wir ein Wiederaufleben des Wunsches – meistens aus Angst –, andere Leute auf den Status von Objekten zu reduzieren. Das hat auch mit islamischen Terrorgruppen zu tun, obwohl diese nur einen sehr, sehr, sehr kleinen Teil des Islam und islamischer Leute weltweit ausmachen. Die einzige Art, wie wir uns selbst glauben, schützen zu können, ist, alle Moslems schlecht zu behandeln. In dieser Hinsicht gibt es einige moderne Dinge, aber ich schreibe nicht speziell politisch. Ich sehe das in meinem Land, in dem diese Art zu denken eine Galionsfigur gefunden hat (Donald Trump, Anm. d. Red.). Aber sogar in den ersten Büchern waren die bösen Jungs niemals einfach nur böse. Für die Leute, die gegen sie waren, waren sie schrecklich. Generell würden nur wenige Leute, die in einer bestimmten Art wirklich krank sind, behaupten: „Ich bin böse, und ich mag es!” Das Universum ist nie einfach nur schwarz und weiß.

Sie beschreiben eine Welt einige Jahrzehnte nach einem großen Krieg. In der Realität haben wir Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg etwa wieder die Tendenz zum Nationalismus. Vergessen die Leute zu schnell?

Manchmal denke ich ja, aber es ist auch schwer für uns, das große Ganze zu erkennen. Es ist manchmal kompliziert genug, sein Leben zu bewältigen. Und wenn man Kinder und Verantwortlichkeiten hat und den Kindern etwas bieten will oder einfach nur ein Dach überm Kopf haben will, dann geht das vor. Und dann haben wir Angst etwas zu tun, Dinge zu ändern, mit Autoritäten zu streiten, weil wir einfach nur damit beschäftigt sind, am Leben zu bleiben, die Kinder gesund zu halten. Und da liegt oft das Problem. Wir brauchen zu lange, ehe wir sagen: „Jetzt muss ich etwas sagen.“ Zu dem Zeitpunkt ist es vielleicht wirklich schon zu spät und man wird in manchen Kulturen eingesperrt, wenn man etwas sagt.

Wie sieht eigentlich ein normaler Arbeitstag von Tad Williams aus?

Ich stehe morgens nicht superfrüh auf und erledige bis zur Mittagszeit meine Korrespondenz und die Social-Media-Sachen. Nach dem Essen lege ich mich mit Kopfhörern in den Ohren hin und höre sehr ruhige Musik und denke darüber nach, was ich nachmittags schreibe. Für mich ist es einfacher, meine mentale Arbeit zu tun, bevor ich mich an den Computer setze. Ich denke also über alle verschiedenen Wege nach, wie die Dinge sein könnten und wie das, an dem ich an dem Tag arbeite, sich später in die Geschichte einfügt. Für mich ist das wie das Spiel eines Schachspielers: Ich absolviere alle möglichen Züge. Später am Nachmittag setze ich mich an den Computer und schreibe. Dann bin ich in der Lage, die ganze Zeit sehr, sehr schnell durchzuschreiben, dafür genügen etwa zwei Stunden.

Sie haben George Martin erwähnt. Wie gefällt Ihnen „Game of Thrones“?

Ich mag „Game of Thrones“ sehr. Und George war von meiner ersten Reihe von Osten-Ard-Büchern dazu beeinflusst. Er ist immer freundlich genug, das zu sagen, wenn er darüber spricht. Und wenn er nicht George wäre, dann könnte ich ein bisschen eifersüchtig sein (lacht). Es ist schon unglaublich. Vor zwei Jahren war ich mit meiner Familie in Sizilien im Urlaub und jeder trug Game-of-Thrones-T-Shirts, Leute aus Kroatien, Australien oder China hatten welche mit Aufschriften „Khaleesi” oder „Khal Drogo” an. Jeder Schriftsteller möchte, dass seine Ideen und Charaktere von so vielen wie möglich gelesen werden.

Ein Aspekt von „Game of Thrones“ ist das Opfern von Hauptfiguren, um Spannung zu schaffen. Was halten Sie davon?

Ich denke, dass ist eines der sehr interessanten und geschickten Dinge, die George gemacht hat. Und einer der Gründe, warum diese Bücher eine große kulturelle Sache geworden sind. George hat es im ersten Buch getan. Es wäre vielleicht etwas anderes gewesen, wenn er es im dritten oder vierten Buch getan hätte und Stark bis dahin der Held gewesen wäre, der Hauptcharakter, der dann getötet wird. Das wäre schwieriger gewesen. Aber ich bin ein anderer Schriftsteller – etwas optimistischer. Auch ich lasse natürlich Charaktere sterben, aber ich bin damit vorsichtiger.

Sie würden beispielsweise Simon (die Hauptfigur der ersten Osten-Ard-Reihe) nicht umbringen?

Nicht auf der Stelle (lacht laut). Man weiß nie. Aber generell tendiere ich dazu, meine Charaktere den größten Teil der Geschichte miterleben zu lassen, weil das sich darauf auswirkt, wie der Leser die Geschichte fühlt.

Wann wird es seine TV-Umsetzung von „Osten Ard” oder „Otherland” geben?

Die beste Lösung für mich wäre eine große Fernsehserie, weil meine Bücher sehr lang sind. Und ich hoffe darauf wegen des Erfolgs von „Game of Thrones“. Vielleicht auch in Sachen „Otherland“. Das Wichtigste bei „Game of Thrones“ und den „Herr der Ringe“-Filmen war, dass die Macher Leute waren, die die Vorlagen wirklich geliebt haben. Sie haben das in ihren Versionen rübergebracht. Und das hoffe ich am meisten: Jemanden zu finden, der das fürs Fernsehen so umsetzt, wie es Walter Adler etwa bei Otherland als Hörspiel getan hat (siehe Infobox). Er hatte eine Vision davon, wie es aussehen soll. Es ist nicht dasselbe wie das Buch. Aber wenn jemand eine TV-Serie, einen Film, ein Radio-Stück macht, verschwindet das Buch ja nicht, es ist weiter da. Es wäre vielleicht nicht exakt das, was ich in meinem Kopf sehe, aber so lange wie es so gut machen, wie sie können, reicht mir das.

Gibt es denn konkrete Angebote?

Manchmal schon. Es ist sehr schwierig. Und der einzige Weg, eine TV-Serie zu „Otherland“ oder „Osten Ard“ zu machen, ist eine große Verpflichtung. Es ist immer etwas, was eine Weile dauert. Es gibt Leute, die denken: „Oh ich will einen Film daraus machen“ weil Leute das Buch mögen – doch dann erweist es sich als zu lang für einen Film. Das ist schon passiert. Von meinem allerersten Buch „Traumjäger und Goldpfote“ wird es einen Animationsfilm geben.

Wie sehr mögen Sie Hörbücher?

Ich liebe Hörbücher. Bücher generell sind interaktiv. Es sind nicht einfach die Worte des Verfassers. Wir können nur die Worte ersinnen, aber die Bilder entstehen im Kopf des Lesers. Genauso ist es mit Hörbüchern. Wenn wir Leuten nicht zeigen, wie etwas ist, wie es eine TV-Serie oder ein Film tut, geben wir ihnen Botschaften und sie können sie für sich selbst umsetzen. Wenn ich einfach sage: „Das ist etwas sehr schönes“, beschreibe ich es vielleicht ein bisschen. Aber sie denken sich Bilder dazu aus, die das für sie individuell stimmig machen. Das gleiche Prinzip greift bei etwas furchteinflößendem. Stephen Kings hat einmal gesagt: „Deine Figur ist in einem Raum. Die Tür nach draußen ist zu. Etwas ist draußen, du weißt nicht, was es ist, aber es ist sehr böse. Wenn du die Tür öffnest und siehst: Oh, es ist ein Insekt – sechs Fuß hoch – dann ist das sehr furchteinflößend. Aber es gibt einen Teil unserer Vorstellung, der wirkt, solange die Tür zu ist: Vielleicht ist es ein hundert Fuß großes Insekt. Vielleicht ein Zombie, ein Geist oder mein Chef (lacht). Sobald man die Tür öffnet, ist es ein Ding, vorher war es die Vorstellung einer Person – und die macht es immer beängstigender als das, was du am Ende präsentieren kannst.

Es gibt heutzutage viele Fantasybücher, die in Mittelalterwelten spielen. Wie würden Sie da zwischen guten und schlechten unterscheiden?

Die erste Frage ist: Wenn es kein Fantasyroman wäre, sondern etwa ein historischer Roman – wäre er dann immer noch interessant? Das ist eine Sache für mich. Die andere ist: Halten die Charaktere dein Interesse? Das Dritte ist: Fühlt sich die Welt so an, dass du selber dort sein willst? Fühlt sie sich echt an? Das ist eine besondere Sache bei der Fantasy, weil wir dort Welten erschaffen. Ich möchte dass die Leute fühlen, als sei es ein Ort, an den man gehen kann, über den man nicht nur liest.

Es gibt viele brillante aber erfolglose Autoren. Ist es Ihrer Ansicht nach heutzutage schwieriger sich als Autor zu etablieren?

Das ist für mich schwer zu sagen. Als ich mit dem Schreiben und Veröffentlichen begonnen habe, war das eine ganz andere Welt. Es gab nur eine Art, es zu tun: Ein guter Herausgeber werden oder einen zu finden, der Geld oder ein Interesse an dir und dem Verkauf deiner Bücher hatte und dich aufbauen wollte. Ich war glücklich genug, dass der Weg für mich geklappt hat. Aber heute gibt es viele Wege. Als ich meine Fantasy- und Science-Fiction-Bücher geschrieben habe, gab es etwa 1500 Werke in den Genres pro Jahr. Und heute. Wer weiß? Heute gibt es nur den Unterschied zwischen veröffentlicht und nicht-veröffentlicht.  Von Leuten, die nu rein paar Bücher an ihre Freunde verkaufen bis zu J.K. Rowling oder meinem Freund George Martin. Es gibt also mehr Chancen, aber es ist auch schwerer entdeckt zu werden.

Welche Tipps würden Sie angehenden Autoren geben?

Erstens: Lerne, Dinge zu vollenden. Nicht den Anfang schreiben und überarbeiten und überarbeiten. Zu viele angehende Schriftsteller denken immerzu „Oh, ich kann das aber noch besser“ und beginnen von vorne. Nein! Geh den ganzen Weg durch, mache alle Fehler. Zweitens: Wenn du Genreliteratur wie Science-Fiction, Fantasy, Mystery, Western schreiben willst, dann lies nicht nur diese Sorte von Büchern. Lies viele verschiedene Arten, alle Arten von Fiction. Lies Charles Dickens, Günter Grass, Jane Austen. Lies auch viele Arten von Nicht-Fiction. Vor allem für Fantasy und Science-Fiction ist das wichtig. Lies Geschichte, lies Wissenschaft. Lerne, wie die echte Welt funktioniert. So dass du eine Welt erfinden kannst, die Sinn ergibt. Der dritte Vorschlag ist einfach: Schreib! Tu das regelmäßig – es muss nicht jeden Tag sein, aber schreib, so dass es ein Teil deines Denkens wird und du die Muskeln ausbildest, die Denkmuskeln, die Schreibmuskeln. Du kannst kein Autor sein, ohne zu schreiben (lacht).