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Japanische Lebenskunst
Großmeister der Alltagsbeseelung

Tokio. Die Größe, die im Kleinen liegt: Der Neurowissenschaftler Ken Mogi erklärt uns die japanische Lebenskunst. Von Christoph Schreiner

Wer je Japan bereist hat, weiß um die Besonderheiten der japanischen Kultur: Niemals würde es Japanern etwa einfallen, bei Rot eine Straße zu überqueren. Oder sich an der Supermarktkasse vorzudrängen. Und auch nach einem Monat in Japan wird man nicht dahinterkommen, welcher Verbeugungswinkel des Gegenübers nun welchen Respekt- oder Entschuldigungsgrad zum Ausdruck bringt. Pünktlichkeit, Höflichkeit, Regelkonformität, Disziplin und Respektsbezeugungen sind fester Bestandteil des Alltags.

Diese unverrückbaren Sozialkonventionen aber sind nur eine Facette dessen, was die japanische Lebenswirklichkeit ausmacht. Was die Kultur Nippons ebenso prägt sind ein elementares Harmoniebedürfnis (gepaart mit Konfliktvermeidung und dem Kaschieren von Sorgen und Problemen), ein feines Sensorium für die Vergänglichkeit allen Seins (ob Kirschblüten oder der alle 20 Jahre neu errichtete Ise-Schrein, heiligstes Herzstück des japanischen Shintoismus), ein manischer Perfektionswille (sei es im Zurichten japanischer Gärten oder dem akkuraten Arrangement von Speisen) oder die Beseelung von Natur und Dingen (als Inkarnationsort für Abertausende Götter).

In einem (leider bisweilen im Ratgeberton verfassten) kürzlich erschienenen Buch geht der japanische Neurowissenschaftler Ken Mogi nun einer weiteren Besonderheit des Landes auf den Grund: dem Ikigai-Phänomen, das mehr oder weniger in alle typisch japanischen Mentalitätsausprägungen hineinspielt. Grob gesagt meint „Ikigai“ im Japanischen die Freuden und den Sinn des Lebens. Für den ältesten Drei-Sterne-Koch der Welt, den 92-jährigen Jiri Ono, besteht sein „Ikigai“ darin, ein makelloses Sushi zuzubereiten, weshalb er etwa Oktopusfleisch eine Stunde lang massiert, um eine unübertreffliche Zartheit zu erreichen. Für ältere Japaner mag es die jahrzehntelang in stoischem Gleichmut absolvierte Morgengymnastik um Punkt 6.30 Uhr sein, wenn landesweit „Radio taiso“ (eine Radiogymnastik) läuft. Oder für einen Obstbauern die lebenslange Suche nach einer vollendeten Frucht, für einen Tee-Guru das tägliche, strengen Ritualen folgende Zelebrieren des Teeeinnehmens. Eine Detailverliebtheit, deren Ziel das Streben nach Vollkommenheit ist (ob in der Keramikmalerei, der Herstellung von Ramen-Nudeln oder Halbleitersystemen oder dem Stylen windfester Frisuren).



In zehn Kapiteln umkreist Mogi immer wieder die fünf Säulen des Ikagai, die da lauten: 1) Klein anfangen; 2) Loslassen lernen; 3) Harmonie und Nachhaltigkeit leben; 4) Freude an kleinen Dingen entdecken; 5) Im Hier und Jetzt sein. Was leicht esoterisch klingt, ist im Japanischen vielmehr eine Beseelung des Alltags und eine an Demut grenzende Spiritualität, die man keinesfalls mit uns geläufigen westlichen Modeerscheinungen verwechseln sollte. Essenziell ist eher das, was man im Japanischen „Kodawari“ nennt – eine Beharrlichkeit, „ein persönlicher Standard, den jeder und jede Einzelne unerschütterlich einhält“, so Mogi. Nicht Anerkennung und das Ausstellen von Individualität treibt dabei an, sondern ganz im Gegenteil eher die „Negierung des Ichs“. Nicht umsonst lässt der Zen-Buddhismus dabei immer wieder grüßen.

Dass am Kaiserhof, einem geradezu heiligen Hort der Zeremonien und Rituale, seit über tausend Jahren ein Orchester beschäftigt ist, dass noch niemals vor Publikum gespielt hat, verdeutlicht: Ikagai meint einen Zustand der Zurückhaltung und Selbstbeherrschung, für den Belohnungen unerheblich geworden sind. Dass Japan immer wieder von Naturkatastrophen heimgesucht wurde, habe zudem die Widerstandsfähigkeit seiner Menschen geschult, glaubt Mogi. Vielleicht liegt hier auch einer der Schlüssel für die tief mit Japan verwurzelte Achtsamkeit im Umgang mit kleinen Dingen.

Auch wenn Mogis Werk mitunter etwas geschwätzig und redundant ist: Es liefert viel Detailwissen zum tieferen Verständnis Japans und wirft die Frage auf, wie wir es eigentlich selbst halten mit unserem Leben.

Ken Mogi: Ikigai. Die japanische Lebenskunst. Aus dem Englischen von Sofia Blind. Dumont, 176 Seiten, 20 Euro.