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Stauffenbergs Kampf gegen NS-Diktatur
Das Militär und sein „tiefer moralischer Fall“

Der Offizier und Widerstandskämpfer 
Claus Graf Schenk von Stauffenberg in den 30er Jahren.
Der Offizier und Widerstandskämpfer Claus Graf Schenk von Stauffenberg in den 30er Jahren. FOTO: dpa / -
Berlin. Eine Biografie wirft einen neuen Blick auf die Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 um Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

() Welche Motive haben den Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg wirklich angetrieben? Diese scheinbar längst geklärte Frage versucht der Autor Thomas Karlauf („Stefan George“) kritisch neu zu stellen. So gebe es zum Beispiel viele bis in den Herbst 1942 reichende Zeugnisse, die Stauffenbergs „direkte und indirekte Zustimmung zur Politik und Kriegsführung Hitlers belegen und im Gegensatz zu den Nachkriegsdokumenten authentisch sind“, wie es in Karlaufs Buch „Stauffenberg. Biographie eines Attentäters“ heißt, das im Frühjahr 2019 erscheint. Die von der Berliner Akademie der Künste herausgegebenen Zeitschrift „Sinn und Form“ veröffentlicht jetzt Auszüge.

Die Biografie dürfte neue Diskussionen über Rolle und Motive der Verschwörer vom 20. Juli 1944 auslösen. Für Karlauf handelten sie aus Verantwortung, nicht aus Gesinnung. „Nicht das Entsetzen über die Verbrechen des Nationalsozialismus, sondern die Entschlossenheit, den Krieg möglichst rasch zu einem für Deutschland einigermaßen glimpflichen Ende zu bringen, gab ihrem Denken die Richtung.“ Das bedeute aber nicht, „dass sie unempfindlich waren für die Untaten des Systems“, meint Karlauf. „Nur sollte man ihr stark von Beruf und Klasse geprägtes Handeln nicht mit dem vielzitierten Aufstand des Gewissens gleichsetzen.“ Nur, möchte man als Leser einwenden, gilt das nicht auch für viele andere Widerstandskämpfer des Dritten Reiches, von „Beruf und Klasse“ geprägt, jung, alt, Student und Fabrikarbeiter?

Karlauf will auch nicht versuchen, nach einer moralischen Motivation zu fragen, die es „in der uns heute selbstverständlich gewordenen, der Schreckensherrschaft des Dritten Reiches angemessenen Form“ bei Stauffenberg nicht gegeben habe. Er konzentriere sich stattdessen auf die militärisch-politische Motivation.



Zu fragen sei beispielsweise, wie Stauffenberg eigentlich auf den sogenannten Röhm-Putsch von 1934 mit der Ermordung der SA-Führung („So räumte der Führer auf!“) reagierte oder wie er den Einmarsch ins Sudetenland von 1938 beurteilt hat. Mit Kriegsbeginn habe Stauffenberg ausschließlich als Soldat geurteilt, meint Karlauf, der aus Briefen zitiert, in denen Stauffenberg „von der neuen Ordnung der abendländischen Völker unter deutscher Führung“ geträumt habe. Die drei Lebenswelten, deren Normen sein Denken und Handeln von früh an bestimmt hätten – die Tradition der Familie, das Offizierskorps und die Bindung an den Dichter Stefan George (das „Geheime Deutschland“) – seien für Stauffenberg lange Zeit vereinbar gewesen mit den Zielen des Nationalsozialismus.

Dennoch habe der Offizier am 20. Juli 1944 dem „Versagen der militärischen Elite und ihrem tiefen moralischen Fall“ eine Tat entgegengesetzt, die nach dem Selbstverständnis dieser Elite undenkbar gewesen sei. Denn Militärrevolten, wie Karlauf aus den Erinnerungen eines der Oberbefehlshaber der Wehrmacht zitiert, „kannte man damals eigentlich nur bei Balkan-Völkern und südamerikanischen Staaten“. Dass diese Generalität Verbrechen bis hin zum Völkermord gedeckt hat, ist die Kehrseite dieser deutschen Militär-Elite. Stauffenberg hat das zuletzt und spät erkannt. Man darf auf die neue Biografie gespannt sein.