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„Peindre la nuit“ in Metz
Wie die Nacht uns die Augen öffnet

Jan Sluijters’ „Maanacht IV“ (1912).
Jan Sluijters’ „Maanacht IV“ (1912).
Metz . In seinen „Hymnen an die Nacht“ schrieb Novalis: „Himmlischer als jene blitzenden Sterne dünken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns geöffnet.“ Das Metzer Centre Pompidou macht mit „Peindre la nuit“ die Probe aufs Exempel: Mehrere hundert künstlerische Arbeiten fangen nächtliche Magien und Obsessionen aus über einem Jahrhundert ein. Als Medium steht die Malerei im Zentrum, bedacht werden aber auch Videokunst und Fotografie. Opulent ist die Schau, aber auch bezwingend? Von Christoph Schreiner

„Wie wärest du mir lieb, o Nacht!, ohne jene Sterne, deren Licht eine bekannte Sprache spricht! Denn ich suche die Leere, die Schwärze und die Nacktheit“, schrieb Baudelaire in seinem Gedicht „Obsession“. Im französischen Original liest man diese Passage im letzten Ausstellungsraum von „Peindre la nuit“ im Metzer Centre Pompidou. Gekappt ist der folgende, so aufschlussreiche Teil des Baudelaire-Sonetts: „Doch die Finsternisse sind selbst Gemälde, aus denen, meinen Augen zu Tausenden entspringend, Dahingegangene lebendig mich anschauen mit vertrauten Blicken!“

Die Nacht in der modernen Kunst – was für ein ergiebiges Thema! Das Metzer Pompidou schafft es immer wieder, in seinen Themenschauen einen gewaltigen Horizont aufzureißen. Diesmal aber bleibt das Gezeigte hinter den Erwartungen zurück – aus mehreren Gründen. Zwar wartet Metz wieder mit großen Namen auf (ob nun Francis Bacon, Max Ernst, Kandinsky, Monet, Munch, Picasso, Ed Ruscha oder Felix Valloton). Dass auch sie nicht nur Meisterwerke geschaffen haben, zeigt „Peindre la nuit“ auf unfreiwillige Weise in aller Deutlichkeit. Eher Zweitrangiges von ihnen ist zu sehen. Auch vermisst man (neben van Gogh oder Edward Hopper, auf je ihre Weise die malerischen Inbegriffe moderner Nachtmalerei) vor allem die Expressionisten, die wie wohl keine zweite Kunstströmung des 20. Jahrhunderts das Abgründige, Aussschweifende, Flirrende und Chamäleonhafte der Nacht bannten. Hinzu kommt, dass man in Metz zwar wieder wie stets mit Opulenz erschlagen wird, die Ausstellung jedoch auf rätselhafte Weise nur phasenweise zu packen weiß.

Dabei fehlt es ihr – insbesondere im ersten Teil (Galerie 2) – nicht an Inszenierungskraft. Den ersten Raum hüllt völlige Dunkelheit ein, aus der sich eine Videoarbeit von Jennifer Douzenel herauskristallisiert, deren sternengleiche Leuchtpunkte eine Himmelskarte formen. Als tauche man in schummrige Nacht, betritt man hernach den ersten, heruntergedimmten Saal, aus dem an der gegenüberliegenden Wand Winslow Homers phantastische „Sommernacht“ von 1890 wie eine Verheißung entgegenleuchtet – eine oszillierende Meeresmondnacht mit zwei Tanzenden zeigend. Zusammen mit Edward Steichens hinreißenden Schwarzweiß-Fotos daneben entsteht ein Nocturne-Auftakt nach Maß.



Auch zwei Stunden, sechs absolvierte Ausstellungsstationen und 24 Säle später wirkt dieses Entrée – in dem auch Adrian Ghenies „The End of Romanticism“ (2009) und Piet Mondrians untypisches Frühwerk „Paysage au clair de lune“ (1907) brillant nächtliches Zwielicht feiern – aufgrund seiner Konsistenz und schlüssigen Dramaturgie am Stärksten nach. Urbanes Kunstlicht ist die innere Klammer der folgenden Säle: Während William Klein in seiner grandiosen Film-Komposition „Broadway by light“ (1958) die Ästhetik der Neon-Werbungen kongenial einfängt, fallen Auguste Elysée Chabauds Pariser Nachtimpressionen bereits merklich ab. Auch wenn Ausstellungskurator Jean-Marie Gallais ihnen fast einen ganzen Saal widmet: Chabauds um 1907/08 entstandene Gemälde wirken epigonal und malerisch kraftlos.

Wie auch vieles andere, das man auf dem Parcours durch Galerie 2 und dessen Endpunkt (einem völlig überladenen, dabei von Schönbergs „Verklärte Nacht“ orchestrierten Symbolisten- und Surrealisten-Potpourri) passiert. Sieht man ab von ausgestreuten Klassikern wie Brassaïs atmosphärisch meisterhaften Pariser Nachtfotos oder dem wie immer verlässlich guten Paul Klee. Oder Juwelen am Rand wie Marcel Odenbachs großformatige, um ein Nachtpano­rama herum gebaute Papiercollage „Bei Anruf Mord“ und Robert Morris’ an Edward Hopper gemahnendes Raumstillleben „Canvas Back“. Das klingt nach Mäkeln auf hohem Niveau. Und das ist es auch. Umso mehr, nimmt man die faszinierendste Arbeit des ersten Teils von „Peindre la nuit“ hinzu: Spencer Finchs Rauminstallation „Study for light in an empty room“ (2015). Finch hat dafür eine komplexe technische Apparatur entwickelt, die das beständig wechselnde nächtliche Lichterspiel auf der Wand seines New Yorkers Ateliers in einer Metzer Raumbox nachstellt: Seine meditative Licht-, Farben- und Schatten-Komposition lohnt alleine schon die Fahrt ins Pompidou.

Während Part 1 unter dem Titel „Sich in der Nacht verlieren“ die Großmetapher Nacht als zivilisatorisch aufgeladenes „Königreich des Unbewussten, der Abschweifungen und des Traums“ imaginiert, wie es im Begleitheft heißt, weitet Part 2 (Galerie 3) unter der Überschrift „Von inneren Welten zum Kosmos“ den Blick ins Universum. Mit viel gutem Willen kann man aus dem dort aufgebotenen Sammelsurium leitmotivisch ein existenzielles Ringen herauslesen: Pulverisiert die Weite des Universums uns (die vermeintliche „Krone der Schöpfung“) nun oder springt der Götterfunke vor lauter kosmologischer Verbundenheit auf uns über? Künstlerisch bleibt der Eindruck zurück, dass die Auseinandersetzung mit dem Universum hinsichtlich Originalität etwas Lähmendes hat. Wenige Arbeiten bleiben haften, darunter ein Frühwerk von Gerhard Richter („Sternbild“, 1969). Manche, wie Daisuke Yokotas Fotopapierbahnen-Rauminstallation „Mortuary“ (2016), tun es eher ob ihrer Größe und Brillanz.

Zuletzt steht man ein wenig ratlos in der maßstabsgerechten Rekonstruktion von Lucio Fontanas „Ambiente Spaziale“ von 1967 – einem in Schwarzlicht getauchten Kubus, der uns, so Fontanas Ansinnen, den Weg zu einer „Befreiung von der Materie“ weisen soll. Verlässt man Fontanas Unendlichkeitsillusion, umfängt hinter der Raumbox gleißendes Licht – es durchsticht das Panoramafenster, das den Blick in Richtung Kathedrale öffnet. Aus dem Off läuft dazu in einer Endlosschleife John Cages „Atlas Eclipticalis“ – diese audiovisuelle Paarung hat es allerdings in sich.

Bis 15. April. Montag, Mittwoch, Donnerstag: 10 bis 18 Uhr; Freitag, Samstag, Sonntag: 10 bis 19 Uhr. Katalog: 39 Euro.
Im Rahmenprogramm gibt es am 8. November, 6. Dezember, 10. Januar, 7. Februar, 7. März und 4. April sechs musikalische Interventionen des Coservatoire à Rayonnement Régional, begleitet von Vorträgen, Ballett und/oder einem Konzert.
Alle Informationen zur Ausstellung:
www.centrepompidou-metz.fr

Winslow Homers „Nuit d’été“ von 1890 – einer der Höhepunkte der Metzer Großschau.
Winslow Homers „Nuit d’été“ von 1890 – einer der Höhepunkte der Metzer Großschau. FOTO: RMN/Musée d'Orsay/Hervé Lwandowski
Winslow Homers „Nuit d’été“ von 1890 – einer der Höhepunkte der Metzer Großschau.
Winslow Homers „Nuit d’été“ von 1890 – einer der Höhepunkte der Metzer Großschau. FOTO: Photo RMN - Herve Lewandowski