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Kulturhauptstädte 2020
Gesucht: Ideen für die Gestaltung des post-industriellen Zeitalters

 Gut gepflegte Musikkultur in einem Pub in Galway.
Gut gepflegte Musikkultur in einem Pub in Galway. FOTO: dpa / Uncredited
Rijeka/Galway. Das kroatische Rijeka und das irische Galway feiern sich als Europäische Kulturhauptstädte. Beide Städte haben einen tiefgreifenden Wandel hinter sich.

Mit Groß-Events, Pop-Konzerten und Partys haben sich die kroatische Adria-Stadt Rijeka und Galway an der rauen Westküste Irlands als neue Europäische Kulturhauptstädte gefeiert. Ein Jahr lang wollen die beiden Küstenstädte an den entgegengesetzten Enden des Kontinents mit Tausenden Programmen internationale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In strukturschwachen Regionen gelegen möchten sie darüber hinaus Ideen für die Gestaltung des post-industriellen Zeitalters entwickeln.

 Fulminant ging die ehemalige Fabriks- und Werftenmetropole Rijeka am Samstagabend ins Kulturhauptstadt-Jahr. Mehr als 200 Mitwirkende gestalteten zur feierlichen Eröffnung die „Opera Industriale“, eine Komposition der Kroaten Josip Marsic und Zoran Medved. Das Werk erweckte den Sound der Industrie, die einst Rijeka groß gemacht hatte, und erinnerte an den rebellischen Punk-Rock, für den die Stadt im ehemaligen Jugoslawien bekannt war.

Orchester, wilde Sprechchöre, zwei Dutzend E-Gitarristen, zehn Trommler, Dampfhämmer, Schneidbrenner und Hunderte Zuschauer, die Kuhglocken in die Hand gedrückt bekamen, erzeugten eine beeindruckende Klangkulisse. Tänzer des städtischen Theaters mimten Werftarbeiter. Die Funken der Schneidbrenner ließen einen mächtigen Hafenkran wie einen brennenden Baum erscheinen. Vor dem abschließenden Feuerwerk ertönte das alte Partisanenlied „Bella Ciao“ in einer fetzigen Punk-Version. Die Partisanen waren Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Besatzer im Zweiten Weltkrieg. Die 130 000-Einwohner-Stadt Rijeka ist stolz auf ihre antifaschistische Tradition. Im Kulturhauptstadt-Jahr will sie sich als weltoffene und tolerante Metropole präsentieren. Unter dem Motto „Hafen der Vielfalt“ sind mehr als 300 Programme mit mehr als 600 Events geplant. Sie gruppieren sich um die Themen Wasser, Arbeit und Migration, die den Ort seit Jahrhunderten prägen.



2000 Kilometer Luftlinie entfernt widmete der britische Popsänger Ed Sheeran dem ehemaligen irischen Fischerdorf Galway mit den bunten Häusern eine folkloristisch angehauchte Hymne: den Liebes-Song „Galway Girl“ über ein Mädchen, das in einer irischen Band Geige spielt. Das Lied stürmte die Charts.

Bei den Eröffnungsfeiern mit Gauklern, Tänzern und Freudenfeuern lässt man sich Zeit. Sie finden bis zum 7. Februar an mehreren Orten statt und orientieren sich am keltischen Kalender. Galways Programm steht unter dem Motto „Let the magic in“ („Lass‘ den Zauber rein“). In Galway widmen sich fast 2000 Veranstaltungen den Themen Sprache, Landschaft und Migration. Das ehemalige Fischerdorf hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einer vor allem bei Studenten beliebten Stadt mit 80 000 Einwohnern gemausert. Sie gilt als Hochburg der traditionellen irischen Musik und ist für ihre Kunstszene bekannt.

Zu den vielfältigen Angeboten zählt eine Interpretation eines uralten literarischen Epos, der Geschichte von Gilgamesch. Eine Installation namens „Borderline“ (Grenzlinie) soll an den gerade vollzogenen Brexit erinnern. Galway liegt nur 160 Kilometer von der Grenze zum britischen Nordirland entfernt. Und am Nationalfeiertag St. Patrick‘s Day werden am 17. März die Connemara-Berge in Grün erstrahlen.

Auch an Humor mangelt es den Veranstaltern nicht. Workshops über Schafswolle sind nach dem Blöken der Tiere benannt: „Projekt Baa Baa“. Wer genervt ist vom Regen in Westirland, dem wird das Angebot „Hoffentlich regnet es“ mit Spielen bei schlechtem Wetter empfohlen.

Die Kulturhauptstadt Europas ist eine Initiative der Europäischen Union. Jedes Jahr werden zwei Kulturhauptstädte von der EU ernannt. 2022 werden es das luxemburgische Esch-sur-Alzette und Kaunas in Litauen sein.