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Das Album „Concrete & Glass“ von Nicolas Godin
Wie klingt ein Haus von Le Corbusier?

 Nicolas Godin, gelernter Architekt, in kühl und kantig anmutendem Ambiente – sein Album aber klingt eher fließend und anheimelnd.
Nicolas Godin, gelernter Architekt, in kühl und kantig anmutendem Ambiente – sein Album aber klingt eher fließend und anheimelnd. FOTO: Camille Vivier
Versailles. Nicolas Godin, eine Hälfte des französichen Pop-Duos Air, legt ein Solo-Album vor – es geht um Architektur. Von Tobias Kessler

Wäre diese Musik ein Teppich, dann wäre er weich und kuschelig, mit einer wärmenden Fußbodenheizung untendrunter. „Concrete & Glass“ ist das zweite Solo-Album von Nicolas Godin, dessen Duo Air (im Verbund mit dem Kollegen Jean-Benoit Dunckel) bekannt ist für flauschigen Pop – ob nun auf dem Debüt „Moon Safari“ von 1998 oder weiteren Alben wie „Talkie Walkie“ und Filmmusiken wie „The Virgin Suicides“ oder „Le voyage dans la lune“, einer Hommage an den Stummfilmpionier Georges Méliès.

Vor fünf Jahren legte Godin sein erstes Album abseits von Air vor, „Contrepoint“, eine Verbeugung vor Johann Sebastian Bach, zugleich ein Spiel mit dessen musikalischen Motiven. Die zehn Stücke auf „Concrete & Glass“ sind ebenfalls mit einem roten Faden umknüpft – durch das Thema Architektur. Die hat Godin (50) bis in die 1990er Jahre studiert, werkelte dann lieber an Musik, eine Faszination für das Metier blieb aber. Als der Künstler Xavier Veilhan fragte, ob Godin nicht für ein gemeinsames Projekt Musik über architektonische Meilensteine schreiben wolle, war das schon die Grundlage des Albums. Godin ließ sich, wie er sagt, von der jeweiligen Architektur inspirieren, von den Materialien, von der Atmosphäre, von der Landschaft drum herum.

Nur: Muss man das wissen, um das Album zu goutieren? Überhaupt nicht – mir wurde es erst bei der Lektüre des Beiblatts der Plattenfirma klar. Die Texte beziehen sich eher vage auf Häuser und Orte, nur in dem lieblichen, elektronisch flirrenden und streicherumflorten „What makes me think about you“ säuselt eine weibliche Stimme die Namen renommierter Baumeister wie Ludwig Mies van der Rohe, Richard Neutra, Pierre Koenig und Le Corbusier (der uns im Albumfinale noch einmal begegnen wird). Bis dahin geben sich Godin, Mitkomponist Pierre Rousseau und seine internationalen Studiogäste einem wohligen Pop hin; der pulsiert mal sanft wie im Titelstück, mal badet er in melodieseliger Balladenpracht – „We forgot love“ etwa, mit der amerikanischen Sängerin Kadhja Bonet als Gast, deren Stimme über einer sphärischen Melodie dahinschwebt. Ein anderer Gast ist die russische Sängerin Kate NV auf der Ballade „Back to your heart“ mit einschmeichelndem Refrain, die mit ihren Blubber-Keyboards auch ein wenig Aroma der 1980er Jahre versprüht.



So viel entspannter Wohlklang hat sein Risiko – in der Mitte hängt das Album etwas durch. „Time on my hands“ mit dem australischen Gastsänger Kirin J Callinin döst etwas zu selbstgenügsam vor sich hin, immer wieder zart angestupst von überraschend bräsigen Rockgitarren-Motiven; aber spätestens bei „The border“ stellt sich wieder musikalische Spannung ein, Elektro-Rhythmus pocht vor sich hin, und Godins durch den Vokoder maschinenartig klingende Stimme besingt die Sehnsucht nach Ferne und Meer – eine Pop-Perle, schlicht und dennoch schillernd.

Das letzte Stück „Cité radieuse“ klingt nicht wenig wie „minimal music“in Dauerschleife. Töne reihen und stapeln sich; kein Wunder, will Godin doch den gleichmäßigen Aufbau der 337 Appartments in dem Marseiller Wohnbau von Le Corbusier in Musik umsetzen. Als das geschafft ist, weicht die Elektro-Schleife einem wohligen Saxophon. Erst wird gebaut, scheint uns die Musik zu sagen, dann gemütlich gewohnt.

Nicolas Godin: Concrete & Glass
(Because Music/Caroline).