| 22:35 Uhr

Hörbuchrezension
Darf man einen irren US-Präsidenten ermorden?

Der Präsident
Der Präsident FOTO: Lübbe Audio
Zweibrücken. Sam Bourne spiegelt in seinem Krimi-Thriller „Der Präsident“ viel von der aktuellen Realität wider. Von Eric Kolling

In Amerika wird ein unberechenbarer Präsident gewählt. Der fühlt sich eines Nachts vom nordkoreanischen Oberhaupt beleidigt und ordnet einen Atomschlag an. Es ist die Situation, vor der sich so mancher fürchtet, seit Donald Trump an die Spitze der USA gewählt wurde.

Der unter dem Pseudonym Sam Bourne schreibende britische Journalist Jonathan Freedland, lange tätig für den „Guardian“, steigt mit diesem Moment ein (der Atomschlag wird doch noch verhindert) und hängt an ihm eine moralische Frage auf: Dürfte man den Präsidenten ermorden, um einen atomaren Weltkrieg zu verhindern?

Stellen wird sich die Frage in seinem Kriminalthriller „Der Präsident“ (sehr atmosphärisch gelesen von Dana Geissler) bald Maggie Costello, die Chefin der Ethikabteilung. Sie war auf der Linie des liberalen Vorgängerpräsidenten und kann mit dem Handeln des aktuellen Amtsmanns wenig anfangen. Doch ihn deshalb in eine zufällig aufgedeckte tödliche Falle tappen lassen, die ihm der patriotische Verteidigungsminister und der Stabschef des Weißen Hauses stellen?  Um es vorwegzunehmen: Mit Costellos Entscheidung, ob sie den Präsidenten rettet oder nicht, ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende. Viel mehr rückt der heimliche Drahtzieher im Weißen Haus, Präsidenten-Chefberater Crawford „Mac“ McNamara in den Mittelpunkt. Der ist Nazi und richtet sein Handeln unter Mithilfe der CIA maßgeblich an den wirtschaftlichen Interessen des Präsidenten aus – der nebenbei auch ein Firmenimperium sein Eigen nennt.



Wer seine Silhouette nicht schon auf dem Cover erkennen würde, der wüsste spätestens nach wenigen Seiten, dass Bournes namenloser Präsident Donald Trump ist: Ein Dampf-Twitterer mit Sex-Skandal im Wahlkampf, der für Abschottung und gegen Einwanderung ist. Und der auch schonmal den Bürgerkrieg leugnet („Niemand weiß genau, wie das damals eigentlich war“). McNamara ist seinem Chefberater Steve Bannon nachempfunden. Und auch Hillary Clinton ist eindeutig zu erkennen, stolperte die Präsidenten-Rivalin im Wahlverfahren doch über via Privatserver verschickte Dienstmails. Bei Bourne hat sie Telefonate über ungesicherte Leitungen geführt.

Der spannende Thriller bietet zwar nur hölzerne Figuren, hat einige Längen und auch logische Mängel. Aber er ist lesenswert wegen den Bezügen zur Realität und seinen moralischen Fragen.  Ein Roman, der das bedrückende Gefühl hinterlässt, dass das Übertriebene, das er beschreibt, jederzeit Wirklichkeit werden könnte.

Sam Bourne: Der Präsident, Lübbe Audio, 464 Minuten, ab 16 Jahren, ISBN: 978-3-7857-5607-2