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Michel Fugain im Theater am Ring in Saarlouis
Hüftelastisch und geschmeidig durch die Oktaven

FOTO: Christophe Toffolo / www.toffographie.com
Saarlouis. Chanson-Altstar Michel Fugain begeisterte im Saarlouiser Theater am Ring. Von Oliver Schwambach

Monsieur war gerade erst ziemlich verschnupft, dazu die malade Rippe, nicht zu reden von seinen 77 Lenzen: Doch nichts, aber auch absolut gar nichts davon ficht Michel Fugain an. Sidestep links, Sidestep rechts, hüftelastisch wie zu den schönsten Zeiten seines „Big Bazar“, in den 70ern damals, als selbst das notorisch tiefgeistige Chanson mal einfach happy tönen durfte. Seine Musik konnte Fugain offenbar durch die Jahrzehnte taufrisch halten - und sie vitalisiert ihn. Es ist ein Mann, der da am Freitagabend im Saarlouiser Theater am Ring über die Bühne wirbelt, der schon fast aufreizend das Alter Lügen straft. Mit der Stimme eines 50-Jährigen. Höchstens. Geschmeidig schnellt er nach wie vor durch die Oktaven, das Timbre hat immer noch diesen rauchigen Thrill. Beneidenswert.

Ja, Michel Fugain ist jemand, den man zu Recht einen Star nennt, in der Welt der Frankophonie wohl sogar eine Legende. Und doch in Deutschland ist er kein wirklich Bekannter. Wie will man ihn, was er tut, also erklären? Für die Älteren vielleicht am besten mit den Les Humphries Singers und ihrem hitparadenstürmenden Mitklatschchorpop, der wie gemacht war für das knallbunte Prilblumen-Jahrzehnt.

Fugain, der Arzt-Sohn, der erstmal zum Film wollte, bevor er ernsthaft zu komponieren begann und sich auch zu singen traute, fand Les Humphries ebenfalls großartig. „Genau das wollte ich machen“, erinnert er sich in seiner musikalischen Plauderei „la causerie musicale“ im proppenvollen Saarlouiser Theater. Schon startet man zu einem Bummel durch mehr als ein halbes Jahrhundert Bühnenleben. Schon 1967 setzte Fugain mit „je n’aurai pas le temps“ den ersten Markstein. Und vieles folgte, was sich wie „Fais comme l’oiseau“ oder „La fête“, gern im Latino-Takt rhythmisiert, tief ins Mitsinggedächtnis der Franzosen eingrub.



  Charmant, geistreich, manchmal auch etwas geschwätzig parliert sich Fugain durch seine Chanson-Vita, lässt Anekdoten perlen, politisiert auch mal un peu. Der quickvitale Senior ist da seinen beiden Übersetzern, den SR-Chanson-Experten Susanne Wachs und Gerd Heger, oft um etliche Satzeslängen voraus, was den Abend dann doch etwas bremst. Das Tempo ist aber sofort retour, wenn Michel Fugain seine Erfolge ansingt. Dazu reicht ihm anders, als er 2013/2014 mit dem groß besetzten Projekt „Pluribus“ nochmal an die üppigen „Big Bazar“-Show-Zeiten anknüpfte, ein kleines, exquisites Quartett samt seiner Frau Sanda, die auch mal bei „Dépêche-toi!“ in ein furioses Duett mit ihm einsteigt – vor 50 Jahren sang es übrigens Mary Roos mit Fugain.

Was man aber von diesem wunderbaren Abend auch noch mitnimmt, ist die Einsicht, warum in Deutschland der Schlager trotz bisweilen ergreifender Melodien oft so schlicht bleibt. Beim Chanson gebe es diese einzigartige „Marriage“ von Text und Noten, eine emotionale Verbindung, zu der sich auch Autor und Komponist finden, finden müssen, erzählt Fugain. Für ihn waren gleich vier Autoren wegbestimmend (allen voran der legendäre Pierre Delanoe), die seine Musik mit ihrer Satzkunst adelten. In Frankreich klingt das tatsächlich oft nach einer Liebeshochzeit von Wort und Noten. Hierzulande sind es meist eher musikalisch-textliche Zweckgemeinschaften.